Die Diakonia-Schwesternschaft


Oberin KIM Jeong-Ran

berichtete am 16. Oktober 2006 beim Partnerschaftsseminar des EMS in Mannheim

(Mitschrift des Vortrags)

Die Diakonia-Schwesternschaft (DS) wurde am 1. Mai 1980 gegründet. Es ist eine evangelische Schwesternschaft. Die Schwesternschaft besteht z.Z. aus 11 Schwestern. Mal sind wir mehr, mal weniger. Allgemein gesprochen gibt es wenig Nachwuchs. Im vergangenen Frühjahr haben wir eine Novizin zu Training aufgenommen.


1. Am Anfang arbeitete man mit TBC-Kranken und lebte zusammen mit ihnen. Gleichzeitig besuchten die Schwestern die umliegenden Dörfer und betrieben Gesundheitsarbeit. Wenig später wurde auch eine Kreditgenossenschaft gegründet und mit und für Kinder gearbeitet.

So verbrachte man die ersten 9 Jahre auf den Dörfern, während sich die Tendenz verstärkte, dass die Menschen von diesen Dörfern in die Städte umzogen. So wuchsen die städtischen Armenviertel immer mehr. Überlegungen in diesem Zusammenhang führten dazu, dass die Schwestern 1991 in einem Armenviertel von Mokpo begannen anwesend zu sein.

Am Anfang stand auch der große Einfluß von Prof. Dr. AHN Byung-Mu. Er meinte, eine koreanische Schwesternschaft ist nur zu machen in Verbindung mit den Armen. Konvivenz, gemeinsam leben. Darum waren wir auch beteiligt am Einsatz für die Demokratisierung unseres Landes. Und heute arbeiten wir mit vielen andern NGOs zusammen, z.B. unser Widerstand gegen die Entsendung von Militär in den Irak, oder Hilfe bei Naturkatastrophen. Jedenfalls leben und arbeiten wir in enger Verbundenheit mit der übrigen Zivilgesellschaft.

Sie kamen nicht mit fertigen Programmen nach Mokpo, sie lernten, die Welt aus dem Blickwinkel von Armen zu sehen. Wir haben eine Hütte (kleines Häuslein) gemietet und einige haben dort gelebt, auf diese Weise versucht zu lernen, was hier unter diesen Menschen vor sich geht.
Wir haben dann mit Fragebogen eine Umfrage darüber gemacht, was die Menschen brauchen. Das Ergebnis: die Menschen sind arm, unwissend und leiden vielfach an Krankheiten. Das zusammen erzeugt einen Teufelskreis, aus dem sie aus eigener Kraft kaum entkommen können. Das Ergebnis dieser Umfrage haben wir lange bedacht, denn davon hing ab, was unsere Aufgabe ist bzw. was wir als unsere Aufgabe ansehen. Einerseits haben wir berücksichtigt, was die Menschen brauchen, und andererseits, was wir Christen leisten können.

Wir haben also regelmäßig betroffene Familien in Mokpo besucht. Zur gleichen Zeit haben sich in Mokpo Ärzte zusammengeschlossen, die bereit waren in solchen Situationen zu helfen. Es wurde dann möglich, oft mit ihnen zusammen Hausbesuche zu machen.
Aber auch Zahnärzte haben sich uns angeschlossen. Arzt-/Zahnarzt-Rechnungen sind auch in Korea sehr hoch, aber die Ärzte boten kostenlose Hilfe an.

Es ging darum, für die Armen da zu sein, zu helfen, und manchmal auch finanziell zu helfen. Wir haben uns Gedanken gemacht, wo dieser Teufelskreis durchbrochen werden könnte: so kamen wir auf Stipendien für Kinder aus diesem Viertel. Mittelschüler und Gymnasiasten. In Korea bekommen viele Kinder ein Stipendium, nicht aber die Armen.

Die Ursachen für die Armut liegen im System, in den Strukturen, aus denen sie nicht entkommen können. Bei der Verteilung der Stipendien spielte es keine Rolle, ob ein Jugendlicher Christ war nicht. Aber es gab zwei Bedingungen: (1) auf Grund des Stipendiums wird erwartet, dass sich die Noten verbessern. (2) die Bereitschaft zu ehrenamtlicher Mitarbeit. In den Schulferien sind diese Stipendiaten dann zur Mitarbeit in Behindertenheime usw. gegangen. Es war dann doch auch für uns überraschend zu sehen, wie diese Kinder sich in ihrer Haltung verändert haben. Ja, sie vermittelten einen neuen Gesamteindruck. Das hängt damit zusammen, dass Kinder in solchen armen Familien unter mehreren Komplexen zu leiden haben.

2. In Korea gibt es viele „Gebetshäuser“, die eine wichtige Funktion haben. Die (kirchliche) Atmosphäre ist bei uns in Korea anders als hier: man sucht Stille, sich selbst zu erkennen, Gott zu begegnen. In Chonan kommen viele, um an unsern Programmen teilzunehmen. Gruppen von 15-20 Personen. Wir können feststellen, dass viele junge Leute, auch Pfarrer, zu uns kommen. Das scheint uns manchmal der Anfang einer neuen Bewegung zu sein, zumindest ist das langsam sichtbar geworden. Die Gesellschaft in Korea ist voller Hektik. Bei uns in Chonan erleben sie, dass Raum da ist zum Nachdenken. Viele gewinnen daraus die Möglichkeit, ihr Leben neu, glücklicher zu gestalten.

Durch die lange Gebetspraxis, in der man langsam ganz still wird, erkennen viele, wieviel Gier sich in ihrem Herzen befindet. Das Training bei uns hilft ihnen, sich davon frei zu machen.

Wir haben drei Gebetszeiten:
Gebet am Morgen vor dem Frühstück: 50 Minuten Schweigen, Gebet ohne Worte. Ohne Bewegung. Tiefe Stille. Am Anfang führt das zu körperlichen Schmerzen, oder man schläft dabei ein; viele Gedanken sind im Kopf und gehen durcheinander. Nicht nur ein Gedanke, sondern 50.000 gleichzeitig. Der Körper schmerzt. Ein richtiges Beten ist gar nicht möglich. Die Erfahrung zeigt, je länger man übt, desto tiefere Einheit mit Gott darf man erfahrne. In dieser schweigenden Kontemplation entsteht ein innerer Friede. Die Erfahrung zeigt auch, nach 50 Minuten Stille und Schweigen spricht ein Bibeltext ganz anders zu einem und zu den andern. Wenn wir sehr müde sind und wir begeben uns für 1 bis 1½ Stunden in den Gebetsraum, dann verschwindet diese Müdigkeit.

Obwohl die diakonia eine evang. Schwesternschaft ist, hat sie doch starke Bezüge zu einer ökumenischen Schwesternschaft. Die Gäste kommen aus ganz unterschiedlichen evang. Kirchen, Kath. Gemeinschaften gibt es ähnlich wie unsere auch. Wir besuchen uns gegenseitig. Auch haben wir Beziehungen zu buddhistischen Nonnen, schon von Anfang an, denn unter den TBC-Kranken gab es nicht wenige buddhistische Nonnen. So ist die Beziehung ganz natürlich entstanden.

3. Wenn wir soziale Arbeit getan haben und tun, kommt auch Geld vom Staat. Wir planen jetzt ein Altenpflegeheim, bei dem 80% der Kosten vom Staat gedeckt werden. Um unsern Anteil aufzubringen, hatten wir z.B. einen großen Bazar Anfang September, den die ehrenamtlichen Freunde, das sind hunderte von freiwilligen Mitarbeitern, durchführten. Der Staat wird auch einen Teil der Personalkosten übernehmen. Unsere Regierung ist vielleicht der Meinung, Korea sei ein Sozialstaat, wir aber erleben etwas ganz anderes.
Immer mehr Alte sind allein. Noch vor 20-30 Jahren waren Altersheime undenkbar für koreanische Vorstellungen. Aber das weist hin auf die großen Veränderungen in unserer Gesellschaft. Und auf die großen sozialen Probleme. Die Alten erwarten Hilfe von ihren Kindern, die Kinder haben deshalb psychischen Stress, denn sie müßten eigentlich für Ihre Eltern sorgen. So werden dringend Altersheim gebraucht. Viele von diesen sind kostenfrei, aber es gibt auch sehr teure.
Unser geplantes Altenpflegeheim ist für die Armen da, die sonst niemanden haben.

Zuerst hatten wir das „Haus des Glücks“: Mittagessen für etwa 200 Arme. Da halfen uns viele verschiedene ehrenamtliche Gruppen.
Dann kam das Haus für Alte und Arme, das uns von der Stadt angeboten worden war. Das muss weiter gefördert werden.
Jetzt sehen wir als dringlich an ein Altenpflegeheim: Arme, Alte, Hospiz.

Die bisherigen Projekte, an denen wir inzwischen nicht mehr beteiligt sind, gehen alle weiter. Die Armen werden weiterhin zu hause besucht, ebenso die Kranken. Andere haben unsere Aufgabe übernommen.

Das Stipendienprogramm läuft nach wie vor und hat sich sehr bewährt. Die so unterstützten jungen Leute werden später Unterstützer des Programms. Und sie gehören zu unsern ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören.

(Mitschrift des Vortrags. PS)

Oberin KIM Jeong-Ran
Oberin KIM Jeong-Ran
nahm als Vertreterin der Diakonia-Schwesternschaft in Korea am Bible-Workshop des EMS teil.
mehr dazu hier
Dort sprach sie von
Sang-Seng - Wechselseitig Leben geben.
Schätze teilen aus der Perspektive einer Schwesternschaft in Korea.

Angesichts globaler Herausforderungen sind wir allerdings gezwungen, unseren Erfahrungsschatz aus unseren Kirchen und Gemeinschaften miteinander zu teilen.

Während die Welt immer kleiner und kleiner wird, geraten mehr und mehr Menschen in einen Konkurrenzkampf, in dem „mein Profit aus deinem Verlust resultiert, mein Trost aus deiner Untröstlichkeit erwächst und mein Leben durch deinen Tod möglich wird“.
Wie soll in einer solchen Situation eine friedvolle Gemeinschaft entwickelt werden? Das ist die große Aufgabe, der wir uns gegenüber gestellt sehen.
Zuerst müssen wir lernen miteinander, Seite an Seite, zu leben. Die Lösung für Konflikte zwischen verschiedenen Nationen, Religionen, Klassen, Geschlechtern und ethnischen Gruppierungen kann nicht dadurch gefunden werden, dass wir uns für die richtige Seite entscheiden und die falsche Seite eliminieren. Wir müssen das Problem von einer umfassenderen Perspektive aus in den Blick nehmen und Möglichkeiten zum Verhandeln von Verschiedenheiten suchen.
Zweitens müssen wir lernen, uns gegenseitig zu unterstützen. In Korea wie auch in anderen Teilen Ostasiens haben wir ein Konzept „Sang-Seng“, das bedeutet „wechselseitig Leben geben“. Damit ist die eng miteinander verknüpfte gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen, der Natur und der Dinge gemeint. Was uns dieses Konzept lehrt, ist das Beziehungsnetzwerk aller Geschöpfe Gottes zu verstehen. Wir können unser Leben ändern, sodass unser Handeln anderen hilft; mit anderen Worten: Was gut für uns ist, kann auch gut für die anderen sein.
Drittens müssen wir lernen, einen genügsamen Lebensstil zu finden. Die Lösung der Probleme aufgrund ungleicher Verteilung von Ressourcen sollte in einfachem Lebensstil liegen; ein Lebensstil, der eigene Wünsche mit einem Minimum an Aufwand zu erfüllen sucht.
Viertens müssen wir die richtigen Werte wieder finden. Seelische Leere führt zu Abhängigkeiten, egal ob es sich hier um abhängig machende Substanzen handelt oder die Kultur des „immer Mehr“. Wir können dies nur überwinden, wenn wir Sinngebung und Werte in unserer Gesellschaft fördern. Der Ausgangspunkt für eine Korrektur der falschen Werte ist nach Jesaja umzukehren und in Schweigen vor Gott zu sitzen. (Die Schwesternschaft praktiziert drei mal täglich Meditationszeiten im Sitzen).

Angesichts einer solchen Herausforderung sind wir allerdings gezwungen, unseren Erfahrungsschatz aus unseren Kirchen und Gemeinschaften miteinander zu teilen. Es gibt viele Mauern zwischen uns, aber da Gott unter uns ist und uns mit seiner Geistkraft leitet, so hoffe ich, dass dieser Workshop ein Ort sein kann für dieses Miteinander-Teilen und einen Meilenstein für den Frieden setzen wird.

Kim Jeong-Ran,
Oberin der Diakonia-Schwesternschaft in Chonan, Korea

Aus: Die Bibel mit den Augen Anderer lesen, EMS 2007, S.28






Diakonia
Haus der Spiritualität u. des Friedens

KTSI
Forschnugsinstitut für eine künftige Kultur


Rundbriefe

25 Jahre DIAKONIA
Vom 1. - 4. Mai 2005 haben die Schwestern der DIAKONIA ihr 25-jähriges Jubiläum in Chonan und in Mokpo gefeiert.

Partnerschafts
Seminar 16.10.2006










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