Die Diskriminierung von Buraku in Japan und von Sinti und Roma in Deutschland funktioniert auf auffallend ähnliche Weise. Dies wurde während der 16. Landestagung des BLC, die vom 7.-9.10. in Aomori im Norden Japans stattfand, sehr deutlich. Ich hatte die Gelegenheit, teilzunehmen, da ich zur Gruppe der deutschen Gäste gehörte.

Konkrete Fallgeschichten von diskriminierten Buraku, Sinti und Roma, aber auch ehemaligen Lepra-Patienten (der erste Tag fand in einem ehem. Leprakrankenhaus statt) sowie Überlebenden von Fukushima machten deutlich, dass sonst oft getrennt voneinander betrachtete Formen der Diskriminierung viele Gemeinsamkeiten aufweisen - sowohl hinsichtlich der Art und Weise, wie sie sich äußert und auf die Betroffenen wirkt, als auch hinsichtlich dessen, wie die Menschen sich organisieren und Solidarität und Bündnisse aufbauen, um das tägliche Leben unter diesen Bedingungen zu ermöglichen und die Diskriminierung zu bekämpfen.
Die persönlichen Berichte machten deutlich, dass die Hauptleidensursache die Praxis der Diskriminierung ist. Sie überdeckt noch das Leid an Krankheit und konstituiert es im Fall der Sinti, Roma bzw. Buraku überhaupt erst – eine ethnische Herkunft in Indien bzw. bestimmte Berufe der Vorfahren in Japan sind kein Nachteil, solange nicht durch Diskriminierung ein sozialer Nachteil hergestellt wird. Auch Lepra wird erst durch die Diskriminierung zu dem Ausmaß an Belastung, das sie für die Betroffenen bedeutet(e). Es sind ebenfalls die konkreten Formen der Ausgrenzung, häufig z.B. von Bildung, Wohnungs- und Arbeitsmöglichkeiten, die entsprechende Stereotype „ungebildet“, „prekär“ erst zuschreibbar erscheinen lassen.
Im Kampf gegen Diskriminierung muss es also neben dem Abbau von stereotypen Darstellungen unbedingt um die gesellschaftlichen und institutionellen Faktoren gehen, die es erschweren, dass alle Menschen einander als gleichwertig begegnen. Deshalb ist es sinnvoll, dass die verschiedenen Engagements gegen die unterschiedlichen Formen der Diskriminierung aufgrund von Abstammung, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Sexualität, Fähigkeiten und Gesundheit solidarisch miteinander verbunden sind. Denn sie haben das gemeinsame Ziel, es unverständlich zu machen, einen anderen Menschen als minderwertig anzusehen. Eine solche übergeordnete solidarische Perspektive trat im Austausch auf der Konferenz immer wieder hervor, gerade dadurch, dass sonst oft getrennt voneinander betrachtete Formen von Diskriminierung vergleichend und in Bezug zueinander betrachtet wurden.

Die Universalität, jedem anderen als gleichwertig zu begegnen, ging nicht zuletzt auch von der Musik aus, die es zwischen den Beiträgen immer wieder ermöglichte, Gehörtes zu verarbeiten und in Bewegung zu setzen. Wie ein Mitglied der Band „Die Drahtzieher“ es ausdrückte: „Vielleicht können wir Musik als eine weitere Möglichkeit betrachten, Diskriminierung abzubauen – auf einer stärker emotionalen und körperlichen Ebene.“
Hanna Hoffmann-Richter