Ein Jahrhundert geprägt von Liebe und Hingabe – Zum Gedenken an Dr. YEO Sung-sook
Trauerrede
Am 16. März 2026 erreichte uns die traurige Nachricht, dass Dr. YEO Sung-sook, bekannt als die 'koreanische Schweitzer', im Alter von 108 Jahren verstorben ist. Ihr Leben, das mehr als ein Jahrhundert umspannte, war ein besonderes Zeugnis der Liebe zu den Schwachen und Bedürftigen.
Die 1918 in der Provinz Hwanghae geborene Verstorbene begann ihr Medizinstudium erst spät und absolvierte im Mai 1950 die Gyeongseong Medizinische Fachschule für Frauen in Seoul (jetzt Korea University). Kurz darauf nahm sie als Militärärztin am Koreakrieg teil, wo sie die schrecklichen Grausamkeiten des Krieges hautnah miterlebte. Zu Beginn der 1960er Jahre ließ sie sich in Mokpo als Fachärztin für Thoraxchirurgie nieder und eröffnete die ‚Mokpo-Klinik‘, um dort ihre medizinische Arbeit aufzunehmen. Für die damals ausgegrenzten Tuberkulose-Patienten gründete sie in den Außenbezirken von Mokpo das ‚Hansan-Dorf‘ und versorgte mit großer Hingabe die Bewohner der ländlichen Gebiete und Inseldörfer, die weitgehend von der medizinischen Versorgung ausgeschlossen waren. Sie lebte ihr gesamtes Leben als alleinstehende Frau und widmete sich in dem Bewusstsein, das Leid der Armen als ihr eigenes zu betrachten, einer noblen Selbstaufopferung. Für dieses Wirken wurde ihr 1988 mit der Verleihung des ersten ‚Preises für humanitäres ärztliches Handeln‘ die verdiente öffentliche Anerkennung zuteil.
Dr. YEO war weit mehr als nur eine Medizinerin; sie war eine Intellektuelle, die den Geist ihrer Zeit tiefgründig reflektierte. Geprägt durch eine enge Freundschaft mit dem Minjung-Theologen AHN Byung-mu, setzte sie sich leidenschaftlich für die Heilung der Wunden der koreanischen Gesellschaft ein. Eine entscheidende Rolle spielte sie bei der Gründung und Etablierung der ‚Koreanischen Diakonia Schwesternschaft‘, einer Gemeinschaft für das asketische Leben und den Dienst alleinstehender Frauen. Ihr Lebensweg, auf dem sie als Frau und als gläubige Christin ein leuchtendes Vorbild für ein gemeinschaftliches Leben schuf, klingt bis heute nach und bleibt ein bedeutendes Vermächtnis.
Im Winter 1975/76 vertraute AHN Byung-mu der Missionarin Dorothea Schweizer, die im Mai 1975 vom EMS (Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland) als ökumenische Mitarbeiterin zur PROK (Presbyterianische Kirche der Republik Korea) entsandt worden war, seinen lang gehegten Traum an. Während seines Studiums in Deutschland war er auf die Mutterhaus-Diakonie aufmerksam geworden, die in den 60er und 70er Jahren einen bedeutenden Einfluss auf die deutsche Gesellschaft ausübte. Er war tief beeindruckt von den diakonischen Schwestern, die ihr Leben als alleinstehende Frauen der Nachfolge Jesu widmeten und sich für gesellschaftlich Benachteiligte, Ausgebeutete und Schwerkranke einsetzten.
Prof. Ahn Byung-mu schlug Frau Schweizer vor, gemeinsam den Traum von der Gründung einer protestantischen Diakonie-Schwesternschaft in Korea zu verwirklichen. Schweizer untersuchte verschiedene Formen der Mutterhaus-Diakonie und reflektierte ihre Erfahrungen und Lektüren gemeinsam mit Prof. Ahn im Kontext der koreanischen Realität. Dabei beließen sie es nicht bei einer bloßen Kopie des deutschen Mutterhaus-Systems. Vielmehr versuchten sie, das europäische Modell an die sozialen, kulturellen und religiösen Gegebenheiten Koreas anzupassen und zu inkulturieren. Die Kandidatinnen der Diakonie-Schwesternschaft bekannten ihre Identität in den Vorbereitungsseminaren mit den Worten: „Die Diakonisse ist eine Gemeinschaft christlicher alleinstehender Frauen, die sich dazu verpflichtet hat, »vor Gott und mit dem Nächsten« zu leben.“
Eine der zentralen Persönlichkeiten, die zusammen mit AHN Byung-mu maßgeblich zur Gründung der Diakoniegemeinschaft beitrugen, war Dr. YEO Seong-sook. Sie übergab der Gemeinschaft ihr gesamtes Land, ihr Haus sowie die Betreuung ihrer Patienten, damit die Diakoniegemeinschaft ihr segensreiches Werk beginnen konnte. Zwischen ihr und Ahn Byung-mu bestand ein tiefes gegenseitiges Vertrauen und Respekt; sie waren Glaubensgefährten. Ahn Byung-mu plante in Absprache mit Dr. Yeo, das Tuberkulose-Sanatorium nach Yangpyeong (55km östlich von Seoul) zu verlegen und dort das Mutterhaus der Diakonie zu errichten. Sein Ziel war es, dass die Gemeinschaft als ein klösterliches Kollektiv starten konnte, das nach der Tradition Gebet, Arbeit und Studium mit dem diakonischen Dienst an Tuberkulosekranken verband. Ein neues Gebäude für das Sanatorium befand sich bereits im Bau. Die Pläne zur Umsiedlung nach Yangpyeong mussten jedoch verworfen werden, da sich die Mitarbeiter des Landkreises und die Dorfbewohner aufgrund von Ahn Byung-mus Beteiligung an der ‚Erklärung zur Rettung der Demokratie‘ am 1. März 1976 in der Myeongdong-Kathedrale und seiner damit verbundenen systemkritischen Aktivitäten heftig gegen das Vorhaben stellten.
Nach einer zweieinhalbjährigen Vorbereitungszeit wurde am 1. Mai 1980 die Koreanische Diakonia Schwesternschaft (KDS) in Mokpo gegründet. Als Mutterhaus diente die umgebaute Unterkunft für Patientinnen des von Dr. Yeo gegründeten Pflegeheims am Stadtrand von Mokpo, im Hansanchon. In Anwesenheit von Prof. Ahn, Dr. Yeo, Dorothea Schweizer und Dr. Kim Sung-jae hielten sieben Schwestern – darunter Noh Young-soon, Kim Jung-ran, Han Eun-sook, Lee Young-sook und Choi Geun-sook –, die zu diesem Zeitpunkt noch keine Ordenskleidung besaßen und daher Hanbok trugen, den Gründungsgottesdienst mit Weihegebet unter der Leitung von Prof. Ahn ab. Sie verstanden sich als eine Gemeinschaft unverheirateter Frauen, die im Geiste Jesu Christi tätig waren und eine Lebensgemeinschaft führten, in der sie gemeinsam arbeiteten und alles miteinander teilten.
Die Schwestern setzten sich das Ziel, Hansanchon als ihre Heimatbasis zu nutzen und die Verantwortung für das dortige Tuberkulose-Sanatorium zu übernehmen. Als KDS gegründet wurde, lebten etwa 50 Tuberkulosepatienten in Hansanchon. „Hansanchon wurde zu einem Ort, an dem Menschen, die von der Gesellschaft nahezu vernachlässigt oder verstoßen worden waren, ihre Tuberkulose und die Wunden ihrer Seele heilen konnten, um danach wieder in ihr Leben zurückzukehren.“, berichtete Lee Young-sook, die frühere Leiterin der Schwesternschaft. Sie erinnerte sich daran, wie sie darüber staunte, dass Frau Yeo Sung-sook „ohne Maske die schwerstkranken Tuberkulose-patienten behandelte und sich geduldig zehn oder zwanzig Minuten lang ihre Geschichten anhörte“.
Um die Patienten in Hansanchon zu versorgen, die meist mittellos und ohne jegliche Unterstützung waren, arbeitete Frau Yeo tagsüber in der Mokpo-Klinik in der Stadt Mokpo, nachts sowie an den Wochenenden in Hansanchon, das etwa 10 Kilometer von der Stadt entfernt lag. Was mit einem einzigen Lehmhaus begann, entwickelte sich später zu einer großen Einrichtung, da die Zahl der obdachlosen Patienten mit offener Tuberkulose auf 50 bis 60 anstieg. Hansanchon wurde zu einem Anlaufpunkt, der von Patienten aus den umliegenden 1.000 Inseln überlaufen war, die dort kostenlose medizinische Hilfe suchten. Lee Young-sook erinnerte sich: „Selbst wenn sie körperlich erschöpft war und ich ihr sagte: Bitte, Sie müssen sich heute ausruhen, antwortete sie: Wie könnte ich sie abweisen, wenn sie eine so weite Reise mit dem Boot von den Inseln hierher gemacht haben? Sie kümmerte sich um die Patienten, bis ihr eigener Körper am Ende seiner Kräfte war.“
Dr. YEO war schon lange davon überzeugt, dass es für Tuberkulosepatienten, die eine kontinuierliche Isolierung und eine langfristige stationäre Behandlung benötigen, einen festen Zufluchtsort geben müsse. Dank der Hilfe der Schwesternschaft wurde dieser Traum Wirklichkeit. Unter der Leitung von Pastorin Lee Hyun-ju (Methodistische Kirche) und der Frauenvereinigung der Anglikanischen Kirche wurde 1984 in der Kathedrale der Anglikanischen Kirche ein Basar zugunsten eines Dorfes für chronisch an Tuberkulose Erkrankte veranstaltet. Mit dem Gesamterlös von 35 Millionen Won konnten die Bauarbeiten zügig voranschreiten, und bis zum Frühsommer des darauffolgenden Jahres wurde das schöne und solide Steinhaus namens „Haus des Lebens“ (Hansalm-ui Jip) für chronische Tuberkulosepatienten fertiggestellt.
„Dass in diesem rauen Tal etwas geschieht, das sich niemand hätte vorstellen können, scheint durch die Hilfe Gottes von oben und durch das Zusammenkommen der gütigen Herzen der Menschen auf dieser Erde möglich geworden zu sein“, sagte Dr. Yeo Sung-sook im November 1986. Sie fügte hinzu: „Ich hoffe, dass die Patienten, die hier leben werden, nicht länger nach dem Leben gieren, aber auch nicht in Verzweiflung fallen, sondern sich selbst so annehmen, wie sie gegenwärtig sind, um von dort aus ein neues Leben zu beginnen.“
14 Patienten lebten fortan als eine Familie zusammen. Die meisten von ihnen waren Patienten mit unheilbarer Lungentuberkulose, die bereits seit 8 bis 30 Jahren unter den Folgen von Lungenresektionen, Bluthusten, Atemnot und anderen Symptomen litten. Die Diakoniaschwestern (Eonnim-deul) lebten im „Haus des Lebens“ gemeinsam mit ihnen, leiteten Gottesdienste, kümmerten sich um die Pflege und geistliche Beratung und begleiteten die Patienten bis zu einem friedlichen Lebensende.
Dr. Yeo machte sich oft Sorgen um den Lebensunterhalt der Patienten, da deren Behandlung häufig aufgrund von Armut unterbrochen wurde und sich ihr Gesundheitszustand dadurch verschlechterte. Sie unterstützte die Kinder ihrer Patienten heimlich finanziell, wenn diese Schwierigkeiten hatten, ihr Schulgeld zu bezahlen. Im Geiste der Klinikleiterin Dr. Yeo initiierte die Diakonie-Schwesternschaft im Jahr 1983 ein Stipendienprogramm für Kinder aus einkommensschwachen Familien. Von 1991 bis 2021 wurden insgesamt 994 Stipendiaten mit einer Gesamtsumme von über 700 Millionen Won gefördert. Seit 2012 werden auch Kinder von nordkoreanischen Flüchtlingen und aus multikulturellen Familien in das Stipendienprogramm aufgenommen.
Durch die Koreanische Diakonia Schwesternschaft (KDS) konnten das Leben und der medizinische Dienst von Frau Yeo Sung-Sook noch tiefere und festere Wurzeln schlagen. Die Arbeit der KDS, die mit nur wenigen Mitgliedern von 7 bis 11 hingebungsvoll verschiedene soziale Wohlfahrtsprojekte wie die regionale Gesundheits- und Sozialfürsorge, Diakonie-Heimpflegedienst im Armenviertel, Altenzentrum, Diakonie-Seniorenheim in der Region Mokpo erschloss, löste große Bewunderung aus. Infolgedessen wurde die KDS jahrzehntelang finanziell von deutschen kirchlich-ökumenischen Organisationen wie dem EMS, dem Berliner Missionswerk (BMW) und „Brot für die Welt“ (BfdW) unterstützt und stand mit ihnen in engem Austausch. Sowohl das Hansanchon als auch die Diakoniegemeinschaft entwickelten sich zu bedeutenden Pilgerstätten für viele Christen aus dem In- und Ausland und wurden zu Lernorten, an denen das diakonische Leben des Dienstes am Nächsten vermittelt wurde.
Dr. YEO Sung-sook und die Diakonieschwestern
Laut dem Volkskünstler Hong Sung-dam, der einst im 'Hansanchon' behandelt wurde und in seinem Gemaelde einen starken Widerstandsgeist ausdrückte, beschränkte sich Dr. Yeo Sung-sook nicht nur darauf, die körperlichen Gebrechen ihrer Patienten zu heilen. Sie stellte ihnen oft die Frage: 'Wenn ihr wieder gesund werdet, was werdet ihr dann mit eurem Leben anfangen? Wollt ihr zu Tuberkulosebakterien werden, die nur die eigenen Gier befriedigen und andere ins Elend stürzen, oder wollt ihr Menschen sein, die die Welt retten?“ Damit bewegte sie sie dazu, nach ihrer Entlassung ein außergewöhnliches, bedeutsames Leben zu führen.
Hong berichtet zudem, dass Hansanchon der Ort war, an dem er den vor den Sicherheitsbehörden flüchtenden Dichter KIM Nam-ju und den später als Drahtzieher des Gwangju-Aufstands gesuchten und ins US-Exil gezwungenen YOON Han-bong traf. Auch YOON Young-gyu, den ersten Vorsitzenden der Koreanischen Lehrergewerkschaft (KTU), hatte Dr. Yeo dort versteckt. Neben Prof. Ahn Byung-mu verkehrten auch bedeutende Persönlichkeiten der demokratischen Oppositionsbewegung jener Zeit – wie der Denker Ham Seok-hon, der Schriftsteller Hwang Sok-yong und der Dichter KIM Ji-ha – regelmäßig in Hansanchon. Hong Sung-dam erinnerte sich: „In Hansanchon sammelten sich nach und nach die Bücher, die diese Intellektuellen mitbrachten, bis eine wunderbare Bibliothek entstand. Durch die Begegnung mit solchen Persönlichkeiten und die Lektüre klassischer Werke konnten wir dort nicht nur unsere Krankheiten heilen, sondern den Traum entwickeln, die Welt zu heilen.“ So war Hansanchon ein sicherer Zufluchtsort für jene, die von den Sicherheitsbehörden verfolgt wurden, und zugleich ein Treffpunkt, an dem die Saat der koreanischen Demokratie und des fortschrittlichen Denkens der damaligen Zeit gepflegt wurde."
Wenn Dr. Yeo ihren Geburtstag hatte, kontaktierten sich diejenigen, die einst das Hansan-chon durchlaufen hatten, um sich dort zu einer Feier zu versammeln. Bei diesen Gelegenheiten pflegte sie ein Exemplar ihres Lieblingsbuches an die Anwesenden zu verteilen. Das Buch war Hermann Hesses Siddhartha. Auf die Frage, warum ausgerechnet Siddhartha, antwortete sie: „Ist Siddhartha nicht jemand, der frei von Gier ist und sich stets darum bemüht hat, ein wahrhaft menschliches Leben zu führen?“ Ohne Gier und auf menschliche Weise zu leben – dies war das schlichte Prinzip, das ihr gesamtes Leben durchzog.
Erst im Oktober 1998, im hohen Alter von 80 Jahren, schloss sie die Türen des Mokpo-Klinikums und beendete damit still und leise eine über 40-jährige Reise des medizinischen Dienstes für die lokale Gemeinschaft. Ab März 2019 lebte sie in ihrem Haus auf dem Gelände des Diakonie-Seniorenheims, das auf dem ehemaligen Standort von Hansanchon errichtet wurde, bis sie dort im Alter von 108 Jahren friedlich entschlafen ist.
Die Diakonia Schwestern um das Grab von Dr. Yeo Seong-suk
Sie führte ein Leben, das dem des barmherzigen Samariters entsprach – jener Figur, von der Jesus im Lukasevangelium berichtete und die zum wahren Nächsten für den Überfallenen wurde. Die Liebe, der Dienst und der Geist der Hingabe, die Frau Yeo Seong-suk mit ihrem eigenen Leben vorlebte, werden in der Erinnerung der zahllosen Menschen, die sie betreute, sowie in den Gemeinschaften wie der Diakonie-Schwesternschaft Korea, die an den Randgebieten unserer Gesellschaft Liebe und Nächstenliebe praktizieren, ewig weiterleben.
Mit tiefem Respekt und in liebevollem Gedenken spreche ich mein Beileid aus und bete dafür, dass sie nun in Gottes Frieden ruhen möge.
Literatur:
Young-sook LEE, “Die Geschichte der diakonia schwesternschaft in korea”, in: You Jae Lee/Myoung Hoon Shin (Hg.), Mission für Frieden und Demokratie. Kirchliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Korea, München: Iudicium Verlag 2025, 62-86.
Dorothea Schweizer, „Rundbrief Nr. 5“, Anfang März 1979.
Jo Hyun, 「“Weil ich keine Anderen Talente habe“…Das Leben von Yeo Sung-Sook, ‘Schweitzer von Korea‘」(auf Koreanisch), 『Hangyeoreh』, revidiert am 19.10.2019)
Dr. HAN Unsuk (Fellow des Center for Korean Studies, University Tübingen)





















