2005: Das Begegnungsprogramm

Montag, 17. Oktober

Die Delegierten aus der Propstei Gwangju waren bereits am 11. Oktober zu einem Programm in den Partnerdekanaten des südlichen Teiles der Propstei Rhein-Main angereist. Am Montag, dem 17. Ok-tober landeten die 3 Delegierten des KCF mit dem Lufthansa Flug LH 721 aus Beijing kommend in Frankfurt. Damit begann eine gemeinsame Woche der Begegnung im Zentrum Ökumene mit einem umfangreichen Besuchsprogramm. Die erste Begegnung der nord- und südkoreanischen Delegierten am Abend war noch durch große Zurückhaltung und Förmlichkeiten gekennzeichnet. Die Berührungs-ängste auf beiden Seiten waren deutlich zu spüren und der Umgang sehr förmlich. Offiziell begrüßt wurden die Delegierten an diesem Abend von Pröpstin Helga Trösken, dem Leiter des Zentrum Öku-mene Dr. Jochen Kramm und der Vorsitzenden des Partnerschaftsausschusses Korea in der Propstei Rhein-Main, Irmgard Münzer. Der Abend mit einem festlichen Essen gab dann Gelegenheit zum Ke-nenlernen in offizieller Runde, zur Einführung in die kirchlichen Strukturen der Bundesrepublik, in die EKD, in die der EKHN und des Zentrums Ökumene.

Nach dem offiziellen Teil des Begegnungsprogramms ergaben sich in gelockerter Atmosphäre erste Gespräche zwischen den Delegierten aus beiden Teilen Koreas. Mittlerweile war auch Lutz Drescher, Ostasienverbindungsreferent im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland (ems), einge-troffen. Bis zum Freitag begleitete er das Begegnungsprogramm. Auf Grund seiner koreanischen Lan-des- und Sprachkenntnisse und seines persönlichen Engagements für die Interessen beider Teile Koreas hat er maßgeblich zum Gelingen der Begegnung mit beigetragen! Vor allem für die Delegier-ten des KCF war er ein vertrauter Mensch und Garant dafür, dass im Rahmen des Programms auf ihre besonderen Interessen Rücksicht genommen wird.

Dienstag, 18. Oktober

Der Dienstag stand unter dem Themenschwerpunkt „Diakonie in der EKHN“. Dazu erläuterte am Vor-mittag Pfr. Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes in Hessen und Nas-sau die Rahmenbedingungen für diakonisches Handeln in der Bundesrepublik und gab einen Über-blick über die verschiedenen Arbeitsfelder und Einrichtungen der Diakonie in Hessen und Nassau. Im Gespräch wurde deutlich, dass in beiden Teilen Koreas vergleichbare diakonische Strukturen fehlen. Als diakonische Einrichtungen unterhält der KCF in Pyongyang eine Nudel- und Brotfabrik. Damit werden vor allem Kinder und ältere Menschen zusätzlich mit Nahrungsmitteln versorgt. Finanziert wird dies mit Spenden vor allem auch aus Südkorea. In Südkorea liegt die Diakonie ausschließlich in der Verantwortung der Gemeinden vor Ort und wird von diesen auch finanziert. Ein Diakonisches Werk auf regionaler oder gesamtkirchlicher Ebene gibt es nicht. So standen von Seiten unserer Partner immer wieder die Fragen im Raum: wie übernehmen die Ortsgemeinden ihre diakonische Verantwor-tung? Welche Beziehungen bestehen zwischen den großen diakonischen Einrichtungen und den Ortsgemeinden? Fragen, die auf Defizite in unseren kirchlichen Strukturen verweisen.
Am Nachmittag stand dann der Besuch von zwei diakonischen Einrichtungen im Frankfurter Bahn-hofsviertel auf dem Programm:
Das Diakoniezentrum Weser5 mit dem Tagestreffe Weißfrauen und dem Übergangswohnheim
Die Bahnhofsmission
Die unmittelbare Konfrontation mit Menschen im Bahnhofsviertel hat den Delegierten aus Nord- und Südkorea einige Herausforderungen in unserer Gesellschaft deutlich vor Augen geführt: Gegensatz von Armut und Reichtum, Drogenkonsum, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Entwurzelung auf Grund persönlicher Krisen.

Am Abend wurde die Frankfurter Internationale Buchmesse und der Auftritt Koreas als Gastland im Rahmen einer Gala „Bankett für ein Buch“ offiziell eröffnet. Als Gäste der KOGAF (Korean Organizing Committee For Guest Of Honour Korea At The Frankfurt Book Fair) waren die Delegierten aus Nord- Südkorea zur Teilnahme eingeladen. Aufgrund der zu erwartenden Öffentlichkeit nahmen die Dele-gierten des KCF von einer Teilnahme Abstand. Präsentiert wurde vom National Center for Korean Traditional Performing Arts die Neuinszenierung einer höfischen Palastzeremonie aus der Joseon-Dynastie. Die Palastvorführung war eine Kunst der Prachtentfaltung. Am Ende der Vorführung stand aber für unsere südkoreanischen Delegierten die Frage im Raum, was die Organisatoren dazu bewo-gen hatte, Korea gerade mit diesem Teil einer doch sehr elitären Kultur zu präsentieren.

Mittwoch, 19. Oktober

Der Mittwochvormittag begann mit einem Besuch der europäischen Zentrale des koreanischen Auto-mobilkonzerns Hyundai. Der Besuch wurde vermittelt von Pfr. Volkhard Guth, Inhaber der Pfarrstelle Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Rüsselsheim. Hyundai gehört in Südkorea zu den gro-ßen Konzerne, die auch in der neu geschaffenen gemeinsamen Wirtschaftszone Kaesong in Nordko-rea produzieren und weiterhin investieren. Dies war eines der Motive, den Besuch bei Hyundai in das Programm aufzunehmen. Allerdings nahmen die Delegierten des KCF an diesem Besuch nicht teil, um auch an dieser Stelle deutlich zu signalisieren,


Pfr. KANG Yong Sop im Gespräche mit L: Drescher

dass sie ausschließlich zu einem innerkirchlichen Besuchsprogramm gekommen waren. Letztlich war auch die Geschäftsführung von Hyundai in Rüsselsheim erleichtert, da sich zwei Tage vor dem geplanten Termin herausstellte, dass eine Überprü-fung der Nordkoreaner durch die Botschaft Südkoreas Voraussetzung für deren Besuch in der Hyun-dai Zentrale gewesen wäre was nur schwer diplomatisch zu Vermitteln war.

Am Abend begann die Veranstaltungsreihe „HAN Nord- und Südkorea zu Gast in der evangelischen Kirche in Frankfurt“, eine Veranstaltungsreihe der evangelischen Kirche in Frankfurt zur Buchmesse. Etwa 50 Besucherinnen und Besucher kamen zu dem Themen „Korea begegnen EinBlick in Kultur und christliches Leben in den beiden Teilen Koreas und in koreanisches Leben in Frankfurt“ in die Alte Nikolaikirche am


Pfr. KIM Sung Ryong

Römerberg. Pfr. KANG, Yong Sop, Vorsitzender des Nordkoreanischen Kirchenrates, Pfr. KIM, Sung Ryong, Vorsitzender des Partnerschaftsausschusses der Propstei Gwangju und Frau KIM-HEIL, Sung-Sook, Kirchenvorstehrinnen der koreanisch-evangelischen Gemeinde Rhein-Main, berichtetet über christliches Leben in Nord- und Südkorea und in Rhein-Main. Bilder von Lutz Drescher aus Nord- und Südkorea haben vieles von dem Gesagten visualisieren können.


Frau KIM-Heil mit Pfr. KANG

Bei allen Unterschieden in den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ist an dem Abend deut-lich geworden, dass die koreanischen Christen in Nord- und Südkorea und in Rhein-Main sich ver-bunden wissen in der politischen Verantwortung als Christen in Ihrem jeweiligen Lebensumfeld und in der Hoffnung auf ein wiedervereintes Korea! Stellvertretend für alle hat dies Frau Kim-Heil in ihrem Beitrag formuliert:

Politische Fragen waren uns stets wichtig. Sie haben uns von Anfang an wie einen roten Faden begleitet. Gegenwärtig ist uns das Thema Wiedervereinigung der beiden Teile Ko-reas sehr wichtig. Ich freue mich, dass 3 Pfarrer aus Nord-Korea hier anwesend sind. Da-für danke ich der evangelischen Kirche. Ich denke, solche kleinen Begegnungen sind sehr wichtig und führen uns auf dem Weg zur Wiedervereinigung ein Stück näher.“


Traditionelle Tänze aus der Schule von Frau KANG-REINBACHER, Ho-Jeong (Wiesbaden) haben den Anwesenden über die Beiträge hinaus ein Stück koreanischer Volkskultur nahe gebracht.

Pfr. KANG, Yong Sop im Gespräch mit Lutz Drescher Koreanische Volkstanzgruppe unter der Leitung von Frau KANG-REINBACHER, Ho-Jeong


Am Abend reiste Oberkirchenrat Paul Oppenheim, Referent für Asien, Australien, Pazifik im Kirchenamt der EKD an und begleitete ebenfalls das Programm in den kommenden Tagen. Gemeinsam mit Lutz Drescher und weiteren Delegierten des koreanischen Gemeindeverbandes in der Bundesrepublik hatte er im diesen Jahres Nordkorea besucht. Seit Jahren ist die EKD um gute Beziehungen zu Christen in beiden Teilen Koreas bemüht.

Donnerstag, 20. Oktober

Am Vormittag stand ein Besuch des Erlebnismuseums im Bibelhaus der Frankfurter Bibelgesellschaft auf dem Programm. Eindrucksvoll wurde die Gruppe in die Lebensumstände zu Zeiten Sarahs und Abrahams und zu Zeiten Jesu eingeführt. Für die südkoreanischen Delegierten aus der PROK war vieles davon durch die eigene Ausbildung bereits bekannt und die historisch-kritische Methode zum besseren Verstehen der biblischen Botschaft nichts Unbekanntes. Letztlich war die Kontroverse um die historisch-kritische Methode als legitime Methode zur Bibelinterpretation einer der Gründe, die 1953 zur Spaltung der presbyterianischen Kirche Koreas in die konservativ-traditionalistische PCK und die liberal-fortschrittlichere PROK führt. Letztere erkannte die historisch-kritische Methode als legitime Methode zur Bibelinterpretation an. Von Seiten der nordkoreanischen Delegierten des KCF kam am Ende der Hinweis: das war historisch sicherlich alles sehr gut aufgearbeitet und pädagogisch interessant vorbereitet, aber wir haben die christliche Botschaft, das Evangelium, das Missionarische vermisst eine Anfrage, die auch auf Unterschiede in der theologischen Ausbildung und im Verstehen der biblischen Botschaft hinweist.

Nach dem Besuch im Bibelmuseum gab es im Rahmen eines gemeinsamen Mittagessens mit Pfr. Walter Schneider, Oberkirchenrat für Mission und Ökumene, Gelegenheit zu Gespräch und Aus-tausch. Am Nachmittag stand der Besuch der Frankfurter Buchmesse auf dem Programm. Für die Delegierten aus Nordkorea waren vor allem Publikationen aus dem Bereich der Medizin von Interesse, während die südkoreanischen Delegierten die südkoreanischen Verlage besuchten.


(V.l.n.r.: Dr. CHOE, Hyondok; KIM, Chi Ha; Pröpstin Helga Trösken; Prof. Dr. Jürgen Moltmann)

Am Abend fand die zweite Veranstaltung in der Reihe „HAN Nord- und Südkorea zu Gast in der evangelischen Kirche in Frankfurt“ statt. Unter dem Titel „’Gomorrha’ ‚Seodaemun’ und siehe wir leben! Poesie und Theologie im Gespräch“ war ein Dialog zwischen dem koreanischen Dichter KIM, Chi-Ha und dem Theologen Jürgen Moltmann unter der Moderation von Pröpstin Helga Trösken angekündigt. Mit über 100 Besucherinnen und Besuchern war dieser Abend sicherlich einer der Höhepunkte in der Veranstaltungsreihe.

Der Lyriker KIM Chi-ha (geb. 1941) Ehrenmitglied des P.E.N.-Zentrum Deutschland ist Vorbild für viele engagierte Autoren der koreanischen Gegenwartsliteratur. Als eine der Leitfiguren der Demokratiebewegung Südkoreas gehörte er zu den radikalsten Geg-nern des Militärregimes in den 70er Jahren. Für seine politische Satire „Die fünf Bandi-ten“ landete Kim 1970 im Gefängnis und später in der Todeszelle. Weltweite Solidarität sorgte dafür, dass er schließlich 1980 wieder freigelassen werden musste. Die Zeit in der Todeszelle im Gefängnis von Seodaemun hat ihn tief geprägt und seine „Philosophie des Lebens“ maßgeblich bestimmt.

Der Evangelische Theologe Jürgen Moltmann (geb. 1926) hat mit seiner „Theologie der Hoffnung“ vielen engagierten jungen Theologinnen und Theologen in ihrem zivilgesell-schaftlichen Engagement Mut gemacht und auch die koreanischen Christinnen und Christen in ihrem Widerstand gegen die Militärdiktatur gestärkt. 1943 hat er die schreckli-chen Bombenangriffe auf Hamburg miterlebt und überlebt. Die Operation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen die von der britischen und amerikanischen Luftwaffe Ende Juli 1943 auf Hamburg geflogen wurden. Der Feuersturm tötete 35.000 bis 45.000 Menschen und machte eine Million obdachlos.

Beide Autoren wussten voneinander und haben sich in ihrem Denken mehrfach aufeinander bezogen, waren sich bis zu diesem Tag aber nie persönlich begegnet. Das gab dem Abend eine gewisse Span-nung. Sehr offen haben beide von Grenzerfahrungen erzählt und zugleich die Hoffnung benennen können, aus der für sie neues Leben wachsen konnte. Exemplarisch für soll hier die Geschichte ste-hen, die KIM, Chi-Ha an diesem Abend aus seiner Zeit der Einzelhaft erzählte und die zugleich eine entscheidende Wende in seinem Denken beschreibt: von jenem Zeitpunkt an gewann der Begriff Le-ben eine zentrale Bedeutung in seiner Poetik, Philosophie und seinem gesellschaftlichen Engage-ment.

Die lange Einzelhaft in den 70er Jahren brachte es mit sich, daß ich in eine Art Halluzi-nationszustand kam: Es kam mir vor, als ob die Wände mich zusammendrücken und die Decke sich auf mich stürzen würde. Diese Art Attacke wiederholte sich in dieser Zeit mehrmals. Es war eine regelrechte Krise, die ich in Einzelhaft zu überwinden hatte.

Eines Tages im Jahr 1974 überkam mich wieder diese Attacke. Ich war fast am Ersticken. Da sah ich zufällig Löwenzahnsamen durch die Fenstergitterstäbe in meine Zelle herein-fliegen, schimmernd im Sonnenstrahl. Wie wunderschön das war! In den Spalten zwi-schen den Gitterstäben und dem Zement der Gefängnismauer sammelten sich Erdestaub und Unkrautsamen, die vom Wind dorthin getragen wurden. Dann kam das Regenwasser und ein Sonnenstrahl dazu. Im Frühling sprossen daraus tatsächlich Triebe und wuchsen zu Unkraut heran. Als ich dies in der Gefängniszelle entdeckte, war ich unendlich ergrif-fen und erfüllt von undefinierbarer Freude, so daß ich sogar anfing zu weinen. Da habe ich begriffen, daß das Leben über der Zeit und dem Ort steht. Selbst Stahlgitter und die Zementmauer des Gefängnisses sind keine Hindernisse. Das Leben trägt in sich die Kraft, sich zu entfalten. Es war auch die Antwort auf meine Krise in der Einzelhaft.“

Am Ende war deutlich: „Die Hoffnung ist das Brot des Lebens“ diese Erfahrung verbindet beide Autoren miteinander und hat ihnen letztlich in den eigenen Krisensituationen Überleben und eine neue Zukunft ermöglicht.

Freitag, 21. Oktober

Der Freitagvormittag begann zunächst mit einem Pressegespräch der Delegierten aus Südkorea mit Herrn Volker Rahn, Theologischer Redakteur der Evangelischen Sonntagszeitung in Frankfurt. Im Laufe des Gespräches traf auch Bischof Dr. h.c. Rolf Koppe, Vizepräsident der EKD und Leiter der Hauptabteilung III "Ökumene und Auslandsarbeit" des Kirchenamtes der EKD zu einem informellen Gespräch mit den Delegierten aus Nord- und Südkorea ein. Seit 20 Jahren gehört die EKD zu den Organisationen, die immer wieder Menschen aus den beiden Teilen Koreas zusammenbringt. So fin-det denn auch diese erste nord-südkoreanische Begegnung im Rahmen der Partnerschaft der EKHN / Propstei Rhein-Main und der PROK / Propstei Gwangju die volle Unterstützung der EKD. Dass Bi-schof Koppe diese Begegnung am Vormittag auf seiner Reise nach Herrmannstadt doch noch möglich gemacht hat, ist Ausdruck der Bedeutung, die von Seiten des Kirchenamtes der EKD diesen Kontak-ten beigemessen wird. Zugleich gab ihm das Gespräch die Möglichkeit, an vergangene Gesprächszu-sammenhänge anzuknüpfen und bestehende Kontakte vor allem zum KCF zu vertiefen. Am Ende stand auch der Wunsch der Delegierten des KCF zu prüfen, ob von Seiten der deutschen Kirchen, beziehungsweise ihrer Entwicklungswerke eed und Brot für die Welt ein Projekt zur Energiegewinnung durch Windkraft in Nordkorea initiiert und finanziert werden könnte. Ein entsprechender Antrag von Seiten des KCF und eine Zustimmung des zuständigen Ministeriums in Pyongyang ist mittlerweile eingegangen.

Zum gemeinsamen Mittagessen hatte die stellvertretende Kirchenpräsidentin der EKHN, Oberkirchen-rätin Cordelia Kopsch, die Delegierten und anwesenden Gäste und Begleiter der Gruppe eingeladen. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie kurzfristig absagen und wurde von Pröpstin Helga Trösken vertreten.

Am Abend hatte die Evangelische Kirche in Frankfurt im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe zur Buchmesse zu einem Politischen Nachtgebet eingeladen. In Anlehnung an den Vers 30 des 18. Psalm lautete das Thema: „’Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.’ Wiedervereinigung Wunder oder Wahnsinn?“. Dass die Hoffnung auf eine friedliche Wiedervereinigung der beiden Teile Koreas nicht nur die Delegierten aus der Propstei Gwangju bewegt sondern ebenso die anwesenden Vertreter des KCF, hatte Pfr. KANG bereits am ersten Abend der Begegnung deutlich formuliert: „Ich gehe davon aus, dass ich die Wiedervereinigung noch erlebe!“ Einer der bewegensten Momente an diesem Abend war sicherlich die Klage von Frau CHOI, Kwang-Sam über die Trennung ihrer Familie. Zwei der Schwestern leben bis heute in Nordkorea. Sie selbst war mit ihren Eltern damals in den Sü-den geflohen. Ihre beiden Schwestern hatten die Flucht nicht rechtzeitig angetreten und dann war über Nacht die Grenze für immer geschlossen. In diesem Jahr nun konnte sie ihre Schwestern nach langen Jahren für kurze Zeit während ihres Besuches in Nordkorea treffen.


Tanz „Han“, Frau Kim Wagner, Berlin


Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen’, diese Glaubenserfahrung hilft zum ersten Schritt“, so Pröpstin Helga Trösken in ihrer Predigt an diesem Abend. Und weiter: „Sie traut der Hoffnung und gibt die Hoffnung nicht auf, weil Gott dabei ist, wenn die Mauern angegriffen werden. … Wir erzählen einander von den Erfahrungen mit unserem Gott, wie er uns geholfen hat diesseits und jenseits der Mauer, wie er uns ermutigt hat, wie er uns festhält, wenn wir zu resignieren drohen. Welches Training wir brauchen, um die Mauern einreißen zu können. Und was wir tun können, um weitere Mauern erst gar nicht aufzubauen.“

Samstag, 22. Oktober

Der Samstagvormittag begann mit einer gemeinsamen Auswertung des Besuches: der ersten Phase in den Dekanaten Groß-Gerau und Rüsselsheim an der die Delegierten aus der Propstei Gwangju teilnahmen und der zweiten Phase, der Begegnung zwischen den Gästen aus Süd- und Nordkorea. An der Auswertung nahmen neben den Gästen teil: Pfr. Hyun-Jin Chung, Fr. Irmgard Münzer, Pfr. Wolfgang Prawitz, Pfr. Michael Schwenn-Grohmann, Pröpstin Helga Trösken und Pfr. Detlev Knoche.

Im Folgenden werden einige Kommentare und Anmerkungen aus der Auswertungsrunde wiedergege-ben, zunächst bezogen auf die erste Phase in den Dekanaten:
Die Programmgestaltung war sehr vielseitig und umfangreich;
Wir haben eine ausgesprochen große Gastfreundschaft erlebt;
Die hohe Beteiligung von Laien in dem Besuchsprogramm hat uns überrascht;
Der Aufenthalt in den Familien hat uns einen Einblick in Alltagsleben gestattet;
Manchmal gab es Sprachprobleme;
Höhepunkte des Programms waren: der Besuch der Hüttenkirche und der gemeinsame Gottes-dienst dort (das Engagement der Menschen vor Ort und der Kirchengemeinden in der Auseinan-dersetzung um die Flughafenerweiterung); Barlachausstellung in Mainz; der Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen; die Arbeit der Diakonie
Es war eine gute Mischung zwischen Themen „unserer Kirche“ und „koreanischen Themen“;
Es war gut neben neuen Gesichtern auch alte Bekannte wieder zu treffen und Freundschaften auszubauen;
Was hat gefehlt: der Einblick in die seelsorgerliche Arbeit eines Pfarrers / einer Pfarrerin; ein län-gerer Aufenthalt in den Dekanaten; manchmal die nötigen Pausen um Erlebtes zu verarbeiten.

Als einer der herausragenden Höhepunkte wurde von allen Gästen die Begegnung im Zentrum Öku-mene benannt, die unabhängig vom Programm dieser Woche als Begegnung selbst eine große Be-deutung hatte und von allen Beteiligten als einzigartig empfunden wurde. Es sind Beziehungen und Gesprächszusammenhänge entstanden, die Vorurteile abgebaut und Vertrauen geschaffen haben. Dieses Vertrauen ist wichtig für die weiteren Annäherungsprozesse zwischen den beiden koreani-schen Staaten und kann helfen in beiden Ländern vorhandenem Misstrauen entgegenzutreten. Einer der Gäste aus Südkorea formulierte es so: „Die Begegnung mit der Delegation aus Nordkorea hat für uns eine unbeschreibliche Bedeutung. Wir sind der EKHN und der Kirche in Deutschland sehr dank-bar, dass sie keine Mühen gescheut haben, diese Begegnung zu ermöglichen und zu organisieren.“ Und ein Gast aus Nordkorea resümierte: „Ich bin selbst kein ausgebildeter Pfarrer; aber ich bin dank-bar für die Gespräche mit den Pfarrern aus Südkorea. Ich habe vieles von ihnen für meine eigene Arbeit in Pyongyang lernen können.“ Die Gäste aus Südkorea bedauerten, dass es für die Vertreter des KCF nicht möglich war, schon am ersten Teil ihres Besuches in den Dekanaten teilzunehmen.

Im Blick auf Umfang, Gestaltung und Inhalte des Programms gab es ähnliche Rückmeldungen wie zu der Phase in den Dekanaten. Als sehr angenehm empfanden die koreanischen Gäste den gegebenen Rahmen im Zentrum Ökumene und die große Rücksichtnahme auf die eigenen Eßgewohnheiten. Mit am Eindrücklichsten im Programm war für einige der Gäste das politische Nachtgebet am Freitag-abend in der Alten Nikolaikirche. Der liturgische und musikalische Rahmen und die in den Texten ausgesprochenen Hoffnungen und Sehnsüchte, Leiden und Freuden haben in verdichteter Form ihre eigenen Gedanken und Gefühle zum Ausdruck gebracht. Dagegen war der Besuch im Bibelerlebnis-museum zwar in religionspädagogischer Hinsicht interessant, aber vor allem die Gäste aus Nordkorea stellten in der Auswertungsrunde die kritische Frage: „Wo ist dort etwas von Eurer Liebe zu und Ver-ehrung von Jesu Christus zu spüren?“

Nach Abschluss der Auswertungsrunde und am Nachmittag gab es dann Gelegenheit für Vertreterin-nen und Vertreter des Koreanischen Gemeindeverbandes in der Bundesrepublik, des Wiedervereini-gungskomitees im Koreanischen Gemeindeverband und Mitgliedern der Gruppe, die im Mai Nordko-rea besuchte, in informeller Runde mit den Gästen ins Gespräch zum kommen. Nach dem Gotteslob am Abend in der Katharinenkirche folgte die Gruppe noch einer Einladung in ein koreanisches Re-staurant in Wiesbaden.

Sonntag, 23. Oktober

Nach dem gemeinsamen Frühstück im Zentrum Ökumene hieß es Abschied nehmen und in verschie-dene Richtungen aufbrechen. Pfr. KIM, Sung Ryong aus der Propstei Gwangju trat seine Reise nach Frankreich an, zu einem Besuch der Kommunität in Taizé. Pfr. CHOE, Youn Suk, Pfr. KIM, Sun Su und Pfr. PARK, Chung Hyun waren eingebunden in Partnerschaftsgottesdiensten in den Dekanaten Dreieich und Rüsselsheim. Gemeinsam mit Pfr. KIM, Nam-Ho nahmen die Delegierten des KCF am Gottesdienst der Evangelischen Koreanischen Gemeinde Rhein-Main in Frankfurt teil. Der Gottes-dienst gab eine letzte Gelegenheit, den nordkoreanischen Gästen für Ihr Kommen noch einmal zu danken und auch eine finanzielle Unterstützung für die diakonischen Arbeit des KCF mit auf den Weg zu geben. Während der Veranstaltungen im Rahmen des Begleitprogramms zur Buchmesse in der Alten Nikolaikirche und der Katharinenkirche wurde auf Eintrittsgelder verzichtet und stattdessen um Spenden für die Brot- und Nudelfabrik in Pyongyang gebeten. Insgesamt kam ein Betrag von 665.- € zusammen, der Pfr. KANG am Ende des Gottesdienst übergeben wurde. Ebenso konnte ihm von Seiten der Evangelisch-Koreanischen Gemeinde ein Betrag von knapp 3.000.- € für diese diakoni-schen Projekte des KCF übergeben werden.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit den Mitgliedern der Gemeinde brachen die Delegierten aus Nordkorea zum Flughafen auf. Im Gepäck reichlich ausgestattet mit Medikamenten, deren Finan-zierung der koreanische Gemeindeverband in der Bundesrepublik und die EKHN ermöglicht hatten. Mit dem Lufthansa Flug LH 720 traten sie um 17.25 Uhr ihre Rückreise über Beijing nach Pyongyang an.

Die verbleibenden 4 Gäste aus Südkorea trafen am Abend noch einmal im Zentrum Ökumene zu-sammen und traten dann am Montagmorgen gemeinsam ihre Weiterreise nach Prag an.

Partnerschaften

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zwischen Gemeinden

Derzeit gibt es Partnerschaften zwischen einer deutschen Kirchengemeinde und einer Kirchengemeinde in Ostasien u. W. nur eine funktionierende: die zwischen Weingarten/Baden und Jumin-Church in Songnam, Südkorea.

jumin logoJumin-Kirche

regionale Partnerschaften

Unseres Wissens gibt es hiervon im südwestdeutschen Raum drei Partnerschaften:
1. Region Nordbaden, d.i. Heidelberg, Lützelsachsen und Weinheim mit drei Kirchengemeinden in Südkorea
2. Region Pfalz: d.i. die Evang. Kirche der Pfalz unterhält zum Kirchenbezirk Yongdongpo in Seoul enge Beziehungen
3. Region Südhessen: d.i. der Bezirk Süd-Starkenburg unterhält eine Partnerschaft zum Kirchenbezirk Kwangju in Südkorea.