Das strafbare Gewissen. Kriegsdienstverweigerung in Südkorea

Das strafbare Gewissen

von Gisela Köllner


In Südkorea gibt es keinen Zivildienst. Kriegsdienstverweigerer kommen ins Gefängnis. Wer dennoch seinen Überzeugungen folgt, hat einen schweren Weg vor sich.

Park Kyung-Soo ist seit seiner Kindheit aktives Mitglied der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK). Als jungem Mann fiel es ihm immer schwer, sich vorzustellen, einmal den in Südkorea obligatorischen Wehrdienst ableisten zu müssen, denn dies konnte er mit seinem Glauben nicht vereinbaren. Im Jahr 2000 hörte er bei einem Vortrag des buddhistischen Pazifisten Oh Tae-Yang erstmals das Wort „Wehrdienstverweigerung“ – eine Erfahrung, die Folgen haben sollte.

In Südkorea haben das Militär und die Ausbildung zum Soldaten gesellschaftlich einen hohen Stellenwert. In Lebensläufen und Bewerbungsgesprächen wird stark darauf Bezug genommen und politisch wird die wichtige Rolle der Armee und des militärischen Drills vor allem mit der Bedrohung durch Nordkorea begründet. Zudem waren die militärische Ausbildung und das Einfügen in eine hierarchische Ordnung auch den jahrzehntelangen Diktaturen im Land nützlich. Auch heute noch sind die Bedeutung hierarchischer Strukturen und der Stellenwert eines ausgeprägten Nationalismus in Wirtschaft und Gesellschaft deutlich zu erkennen. Für nahezu alle jungen Männer im Land ist es selbstverständlich, zwei Jahre lang den Dienst an der Waffe auszuführen. Wer gesundheitlich eingeschränkt ist, kann nach der Grundausbildung Aufgaben in der Verwaltung übernehmen. Nach dem Wehrdienst muss jeder für weitere 160 Stunden an Wehrübungen teilnehmen. Frauen werden auf freiwilliger Basis in die Armee aufgenommen.

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Kriegsdienstverweigerung in Südkorea

Fünfzehn Monate Gefängnis kostete Park Kyong-Soo (Bildmitte) sein
Entschluss, den Wehrdienst aus Glaubensgründen zu verweigern. Nun arbeitet er für eine Friedensinitiative. Der Staat oder Großunternehmen stellen keine
Verweigerer ein.


Wehrdienstverweigerung – ein unbekanntes Wort

Bis zum Jahr 2000 gab es in Korea meh­rere tausend junge Männer, die das Sol­datenhandwerk nicht lernen wollten. Sie traten den Wehrdienst nicht an und mussten deshalb mehrjährige Gefängnisstrafen erdulden. Alle gehörten den Zeugen Jehovas an und ihre Haltung war nie gesellschaftlich diskutiert worden. Erst ab dem Jahr 2000 wurde der Begriff

„Wehrdienstverweigerung“ in intellektuellen Kreisen des Landes zunehmend bekannt. Es entstand eine Bewegung, die auf die Leiden der religiös motivierten Pazifisten aufmerksam machte und die Möglichkeit eines Ersatzdienstes für junge Männer im Land forderte.

Mit dem Gedanken der Wehrdienstverweigerung wurde auch die Idee des gewaltlosen Widerstandes in Korea verbreitet. Politische Aktivisten waren seit den Kämpfen für Demokratie in den 1970er und 1980er Jahren an die Anwendung von Gewalt sowohl durch die Polizei als auch durch Demonstranten gewöhnt. Ab der
Jahrtausendwende setzte sich zunehmend Gewaltfreiheit durch. So kann man heute zu unterschiedlichen Themen Demonstrationen in Seoul und anderen Städten erleben, bei denen alle Teilnehmenden beispielsweise Kerzen anzünden und freundschaftlich auf die diensttuenden Polizisten zugehen. Damit hat die Bewegung für die Wehrdienstverweigerung in Südkorea insgesamt eine Veränderung in der politischen Kultur bewirkt.

Park Kyong-Soo hat all diese Entwicklungen miterlebt: Im Jahr 2002 war er, wie
viele andere, entsetzt über den Tod zweier Schülerinnen, die von US-Panzern
überrollt worden waren. Und im selben Jahr hatte er sich an Protesten gegen den
Ausbau der US-Militärbasis in Pyongtaek beteiligt. Auch der Krieg im Irak war
Anlass für viele Menschen, über die Bedeutung von Auseinandersetzungen mit
Waffen nachzudenken.

Gewinnung von Mitstreiternstrafbar02_450

Kriegsdienstverweigerung soll endlich auch in Südkorea möglich sein. Park Kyung-Soo (4. v. r.) und seine Mitstreiter von „Die Welt ohne Krieg“ versuchen, mit Infoständen Unterstützer für dieses Ziel zu gewinnen.


Wer nicht gedient hat, bekommt keine Stelle

Als Kyong-Soo 2003/2004 bei einem längeren Aufenthalt in Israel kriegsähnliche
Zustände erlebte, entschloss er sich endgültig, den Kriegsdienst zu verweigern.
Seitdem besucht er regelmäßig den Gottesdienst und nimmt Montagabends an den Gebetstreffen der christlichen Gruppe „the Frontiers“ für Frieden in der Welt teil.

Nachdem er im Jahr 2006 den Wehrdienst verweigert hatte, musste er für 15
Monate ins Gefängnis. Diese Ent­scheidung hatte schwerwiegende Folgen, denn damit gilt Kyung-Soo als vorbestraft. Er wird deshalb nie einen Arbeitsplatz beim koreanischen Staat bekommen, auch alle Großbetriebe stellen keine riegsdienstverweigerer ein. „Es ist belastend, immer wieder an die Verweigerung erinnert zu werden. Manchmal mit Bewunderung, meist jedoch mit scharfer Kritik“, erzählt Kyung-Soo. „Alle Themen rund um meine Arbeit, meine finanzielle Sicherheit und meine aktuellen Aktivitäten hängen immer mit dieser einen Entscheidung zusammen. Manche Kriegsdienstverweigerer erleben sogar, wie sich
ihre eigene Kirchengemeinde von ihnen distanziert.“ Er selbst ist sehr glücklich, dass seine Kirche immer zu ihm gestanden hat.

Kyung-Soo hat Sozialwissenschaften an der anglikanischen Universität studiert und kann heute seinen Lebensunterhalt durch seine Arbeit für die Organisation „Die Welt ohne Krieg“ verdienen. Diese koreanische Gruppierung arbeitet mit den „War Resisters International“, der internationalen Organisation der Kriegsdienstverweigerer, zusammen. Sein allergrößter Wunsch wäre, dass es auch für Koreaner im eigenen Land möglich wird, einen Zivildienst abzuleisten. „Menschen überall sollten wissen, welche Konsequenzen Kriegsdienstverweigerer in Südkorea auf sich nehmen. Nur wenn die Menschen informiert sind, können sie Solidarität mit uns zeigen.“ Außerdem engagiert sich Kyung-Soo ehrenamtlich für Menschen, die im Umfeld großer Militäranlagen leben und unter der hohen Lärmbelästigung und den Umweltschäden bei Manövern leiden.

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Unterstützung von den Vereinten Nationen

Die südkoreanische Bewegung für Wehrdienstverweigerung kann trotz ihres kurzen Bestehens schon einen wichtigen Erfolg verzeichnen: Das Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen hat die Regierung aufgefordert, die Möglichkeit eines Zivildienstes anzubieten. Unter der momentanen konservativen Regierung rechnet Park Kyung-Soo jedoch nicht damit, dass dieser Forderung nachgekommen wird. Aber seine Überzeu­gung bleibt: „Ich muss mich darum bemühen, keinen Krieg zu gewinnen, sondern ihn zu vermeiden, und muss den Weg der gewaltlosen Aktion gehen, so wie Jesus Christus.“

Mit freundlicher Erlaubnis von Gisela Köllner. Sie ist Mitarbeiterin im Asienreferat des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland.

Fotos:  Park Kyung-Soo.

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