LEE Sang-Min Interveiw

Kriegsdienstverweigerung in Ostasien: zumeist ein Fremdwort... 

in China - nicht vorgesehen
in Japan - keine Wehrpflicht
in Korea - Kriegsdienstverweigerung ist Landesverrat und wird mit Gefängnis bestraft
in Taiwan - soll vielleicht abgeschafft werden

Interview mit dem Wehrdienstverweigerer LEE Sang-Min, Seoul, Südkorea
November 2013

Das Tragen einer Waffe gegen das Gewissen –

Wie LEE Sang-Min sich für das Gefängnis anstatt für den Kriegsdienst entscheidet

Laut eines im Juni erschienenen Berichts der UNHCR müssen jährlich 723 Personen ins Gefängnis gehen, weil sie d aus religiösen oder Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigert haben. Erschreckend ist, dass über 90‘% davon Koreaner (669 Personen) sind.

Jährlich verbringen ca. 700 junge Koreaner 18 Monate im Gefängnis, weil sie sich dafür entschieden haben.

Am 6. November hat die christliche/evangelische Zeitschrift „Evangelium und Situation“ Lee Sang-Min in einem Konferenzraum getroffen.

Er wird in zwei Monaten zu jenen 700 gehören. 7 Jahre lang hat er mit sich gerungen, um diesen Entschluss zu fassen.

Während des gesamten Interviews kam sein komplexes Innenleben, seine Standhaftigkeit sowie sein inneres Leiden zum Ausdruck!


1.
7 Jahre lang hast du mit dir gerungen, gab es in dieser Zeit keine Momente des Zweifels? Ins Gefängnis zu gehen anstatt zu Armee, das ist ja wahrlich keine leichte Entscheidung

In der Juli Ausgabe aus dem Jahre 2006 der Zeitschrift Evangelium und Situation habe ich das Interview mit PARK/JEONG Gyung-Soo gelesen, der anstelle des Wehrdienstes eine Kriegsdienstverweigerung beantragt hat (da hat also mein erstes Umdenken angefangen). Beim Lesen des Titels dachte ich, er wäre ein Zeuge Jehovas, musste aber feststellen, dass er wie ich Protestant ist.
Beim Lesen des Interviews musste ich ihm ohne dass ich’s wusste zustimmen. Zum Beispiel im Hinblick auf die in den Irak entsendeten Truppen, die entgegen ihres christlichen Gewissens, anderen Menschen Schaden zufügen könnten.
Diese innere Unruhe habe ich geteilt. Daraufhin habe ich begonnen mich mit dem christlichen Pazifismus zu beschäftigen und bin zu dem Entschluss gekommen den Kriegsdienst zu verweigern.
Natürlich gab es Momente des Zweifelns, aber sie waren nie stark genug, um meine Entscheidung rückgängig zu machen. Unter den bekannten Militärdienstverweigerern befinden sich u.a. Pastor John Stott und der anglikanische Priester DAE Cheon-Deok. Außerdem habe ich durch das Studium der Texte der Quäker und Wiedertäufer meine innere Unruhe beruhigt und wurde in meinem Beschluss bestärkt.

2.
Könntest du die „unangenehmen“ Momente noch genauer beschreiben?

Es ist die Unannehmlichkeit, mit der eigenen Armee einem feindlichen Land mit Gewalt zu begegnen; mein persönliches Unwohlsein anderen Menschen Schaden zuzufügen und darüber hinaus, die generelle Gewalttätigkeit innerhalb des Militärs!

3.
Die Militärdienstverweigerung hatte auch religiöse Motive. Gibt es da besondere Geschichten?

Mir fällt da die Situation der Gefangennahme Jesu ein, als Petrus dem Bediensteten der Hohepriester das Ohr abschneidet. Wenn Jesus gewollt hätte, wären seine Häscher mit einem Schlag vernichtet worden, aber er sagt zu Petrus, dass er das Schwert zurück in die Scheide stecken soll. Das ist ein für mich sehr beeindruckender und entscheidender Moment!

4.
Wie haben deine Eltern deine Entscheidung aufgenommen?

Die Kommunikation mit meinen Eltern war sehr schwer. Im Gespräch mit meinen Eltern waren zwei Dinge besonders hart: Das Eine war Druck von Elternseite aus, mich von meinem Entschluss abzubringen, und das Zweite der emotionale Konflikt. So sagten meine Eltern zu mir: „Wir werden uns scheiden lassen, wenn du ins Gefängnis gehst“, und „unsere Eltern-Kind Beziehung ist dann beendet.“
Ich aber erklärte ihnen, dass Jesus Christus der Fürst des Friedens sei, und versuchte meine pazifistischen Ansichten im Zusammenhang mit meiner Entscheidung darzustellen. Aber mein Vater meinte dazu nur: „Auch zu Zeiten des Alten Testaments gab es Krieg!“ Daher habe ich es aufgegeben ein Gespräch zu führen.
Jedes Gespräch ist ein emotionaler Kampf. Ich hatte zwar schon im Vorhinein keine großen Erwartungen, dass Sie meine Entscheidung akzeptieren, aber ich hatte doch eine kleine Hoffnung, dass sie mich zumindest ein wenig verstehen würden, weshalb ich sehr enttäuscht war.
Mein Vater ist ein ehemaliger Kampfpilot bei der Luftwaffe und ein Pilot im zivilen Luftverkehr. Mein Großvater war auf der Militärakademie beim Heer.
Ich konnte es nicht übers Herz bringen, meinem Großvater die Wahrheit zu sagen, also sagte ich ihm, dass ich für zwei Jahre ins Ausland gehen würde. Vor zwei Wochen habe ich das Haus verlassen!

5.
So eine Geschichte, gerade mit der Familie, geht ja nicht spurlos an einem vorüber. Auch vom Standpunkt der Eltern gesehen, leiden sie bestimmt sehr. Ist der Kontakt ganz abgebrochen?

Eines Tages rief meine Mutter mich mitten in der Nacht an und sagte mir unter Tränen, dass sie mich vermisste. Als ich darauf hin in der Morgendämmerung in das Haus meiner Eltern kehrte, sah ich viele fremde Schuhpaare am Eingang. Als ich dann meine Zimmertür öffnete, sah ich wie meine Mutter zusammen mit einigen Menschen aus der Kirchengemeinde betete.
Es herrschte eine sehr bedrückte Stimmung. Nicht ganz überraschend kamen einige Gemeindemitglieder zu mir, um für mich zu beten, nachdem sie meine Geschichte gehört hatten. Sie beteten in Zungen dafür, dass ich von meinem Weg umkehre und ich mich von dem in die Irre führenden Geist lossage!

6. Was hattest du damals in dem Moment für ein Gefühl?

Ich war wütend. Kannten diese Menschen denn meinen tiefsten Kummer, den ich mir sieben Jahre lang gemacht hatte? In diesem Moment fühlte ich wie mir religiös Gewalt angetan wurde. Ich bin nach Hause gegangen, weil ich meine Mutter sehen wollte … aber ich war total perplex und sprachlos.
Aber sie hatten bereits eine Antwort auf ihre Gebete erhalten. „Gott wird dich nicht ins Gefängnis schicken“, sagten sie. Ich habe niemals gesagt, dass es der Wille Gottes ist, dass ich ins Gefängnis gehe. Oder, dass ich den Entschluss den Militärdienst zu verweigern in einer Gottesoffenbarung erhalten hatte, weil ich nicht glaube, dass es so etwas gibt. - Gott hat uns einen Verstand und ein Gewissen gegeben, um so eine Entscheidung zu treffen. Ich habe diese Entscheidung nach bestem Gewissen getroffen.
So wurde ich bis zum nächsten Tag mehr oder weniger festgehalten und schaffte es um ca. 14 Uhr sozusagen zu fliehen!

7. Glaubst du, dass du durch das Folgen deiner Gewissensentscheidung, deiner Familie Schaden zugefügt hast?

Egal, wie sehr meine Eltern mich lieben, ich muss mein Leben selbstständig leben. Ich glaube nicht, dass man zwischen der Alternative Familie oder Militärdienst wählen muss. Darüber hinaus glaube ich, dass durch meine Entscheidung meine Eltern noch näher zusammen gerückt sind, anstatt sich scheiden zu lassen (lacht)!

8. Was denkt deine Freundin darüber?

Sie versteht mich und ermutigt mich. Und sie akzeptiert meine Entscheidung. Sie versteht wie es ist, wenn man einen hohen Wert hat und aufgrund dieses Wertes Opfer bringen muss und kann daher meine Situation gut nachvollziehen.
Sie schlägt mir allerdings auch vor doch den Ersatzdienst in Betracht zu ziehen, aber generell stellt sie meine Entscheidung nicht in Frage. Ich möchte an meinen Werten gegenüber meinem Gewissen festhalten!

9. (Seine Freundin ist während des Interviews anwesend. So ich richte ich eine Frage direkt an sie:) Wie denkst du über Sang-Mins Entscheidung?

Ich habe überlegt, ob er sich nicht doch lieber für den Feuerwehr- oder Sanitätsersatzdienst verpflichten lassen sollte. Anstatt ins Gefängnis zu gehen, könnte er so einen praktischen Beitrag für die Gesellschaft leisten.
Aber das kategorische Ablehnen eine Waffe in die Hand zu nehmen, möchte ich nicht in Frage stellen. Es macht mich zwar traurig, aber ich verteidige die Gewissensentscheidung von ihm und unterstütze ihn in dieser Sache!

10. Was hältst du von der Idee deiner Freundin einen Ersatzdienst bei der Feuerwehr oder beim Sanitätsdienst zu leisten?

Auch wenn ich mich für den Ersatzdienst entscheiden sollte, muss ich 4 Wochen lang die militärische Grundausbildung durchlaufen und als Reservist abrufbar sein, was für mich dann aufs selbe hinausläuft.
Natürlich würde man meinen, dass ich ein ganz schöner Dickschädel sei, wenn ich mich doch für einen Ersatzdienst entscheiden könnte anstatt ins Gefängnis zu gehen. Aber ich kann und will keine Waffe in die Hand nehmen.
Im Klartext bedeutet das: Würde es diese vier Wochen militärische Grundausbildung und ein anschließendes Dasein als Reservist nicht geben, würden sich viel mehr junge Menschen für den Ersatzdienst entscheiden anstatt ins Gefängnis zu gehen. Die in einem starren System verlangten kleinen Opfer sind immer noch ein großes Hindernis. Wenn man die vierwöchige Grundausbildung sowie das Einberufen in den militärischen Reservedienst abschaffen würde, leiste ich doch einen größeren Beitrag zu Frieden und zur nationalen Sicherheit.
Andere aber halten es für ein Problem, dass die Militärdienstverweigerung überhaupt bestraft wird, und die Alternative ein Ersatzdienst ist, der das 1,5 bzw. 2-fache der Zeit dauert, wie der reguläre Militärdienst.
Artikel 19 und 20 unserer Verfassung garantieren die Freiheit der Religion und des Gewissens, binden sie aber gleichzeitig an die „besondere Sicherheitslage“ mit der das Land konfrontiert ist. Das macht sie im Wesentlichen abhängig von der Position der Regierung.
Der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen hat sich klar dazu geäußert, die Menschenrechte von Militärdienstverweigerern zu respektieren. Aber die öffentliche Meinung in Korea akzeptiert dies nicht. In gleicher Weise benutzt das Militär die „besondere Sicherheitslage“ als Vorwand, um den Beschluss zu ignorieren.
Gerade im Krieg wird die Menschenrechtssituation leicht ignoriert, obwohl man sich gerade in Krisenzeiten besonders stark für Menschenrechte und für die Menschenwürde einsetzen muss.
Beim Ausscheiden des obersten Bundesrichters JEON Su-An, hat dieser die Bestrafung von Kriegsdienstverweigerern klar verurteilt. !

11. Das kann jetzt eine sehr abwegige Frage sein – aber was würdest du tun, wenn jetzt Krieg ausbrechen würde?

Diese Frage wird einem im Kontext der Kriegsdienstverweigerung oft gestellt.
„Wenn jemand deine Verlobte/Freundin vergewaltigt, lässt du es einfach geschehen?“, „Wenn jemand deine Familie mit einer Waffe bedroht, würdest du da tatenlos zusehen?“ Fragen solcher Art.
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich dann tun würde. Es wäre verantwortungslos, wenn ich diese Frage beantworten würde. Aber ich glaube, dass diese Frage kein guter Ansatz ist, falls diese Situation eintreten sollte. (eine detaillierte Ausführung zu dieser Frage gibt es im Buch „Gesicht des Friedens“ von KIM Du-Shik)!

12. In der hattest du den Schwerpunkt frühkindliche Erziehung. Magst du Kinder?

Von früher Kindheit an, habe ich einen großen Widerstand gegen das rein erfolgsorientierte Denken verspürt. Wir haben (in Korea) einige wenige auserwählte und renommierte Universitäten. Aber ich habe nie verstanden, warum ALLE Highschool-Absolventen wie verrückt lernen müssen, um einen dieser wenigen Plätze zu ergattern.
Deswegen wollte ich den Kindern eine etwas weniger unglückliche kindliche Bildung bereiten. Deswegen habe ich dieses Fach gewählt. Also wollte ich Freunde treffen, die selbstständig ihr Leben führen. Mit ihnen meine Geschichte, Erfahrung und meine Lebensgeschichte teilen!

13. Ich habe ein wenig Angst um deinen Traum als aufrichtiger Erzieher, wenn du nach Ablauf der Haft aus dem Gefängnis entlassen wirst. Ein Eintrag ins Führungszeugnis, sozusagen vorbestraft…

1-2 Personen die aus dem Gefängnis entlassen werden, sind physisch und/oder psychisch verkrüppelt.
Ich habe jemanden kennengelernt, der nach seinem Gefängnisaufenthalt schwere psychische Traumata davongetragen hat und in therapeutische Behandlung musste.
Zudem ist es hart danach in einen Beruf einzusteigen.
Jemand anders, den ich kenne, ist einfach lustlos und faul und scheint deswegen nicht zu arbeiten (lacht)
4-5 Personen leben danach weiter als Aktivisten (Menschrecht-/Umwelt- etc.)
3-4 Personen schaffen es unabhängig von ihrer Vorbestrafung ein weitgehend geregeltes Leben mit Beruf und Familie zu führen.
Wenn es auf der aufgrund der Militärdienstverweigerung ins Gefängnis geht, endet das Leben nicht in einer Sackgasse! Es gibt immer einen Weg heraus. Ob nun nach 5 oder 10 Jahren, wird dies auch keine große Angelegenheit mehr sein. Sondern ich werde heiraten, Kinder kriegen und in der Lage sein ein normales Leben zu führen!

14. Von jungen Menschen in ihren Zwanzigern scheint es mir immer noch sehr viel gefordert. Es wäre wahrlich leichter einfach zum Militärdienst zu gehen. Obwohl es sehr bewundernswert scheint, aufgrund einer Gewissensentscheidung ins Gefängnis zu gehen, mache ich mir da große Sorgen.

Früher dachte ich immer nur bedeutende Menschen treffen bedeutende Entscheidungen. Ich fragte mich, ob so ein einfacher und kleiner Kerl wie ich im Stande ist, den Widerstand zu leisten, der durch diese gewichtige Entscheidung gefordert sein wird. Diese Entscheidung verfolgte mich wie eine Last, die für einen mickrigen und unreifen Versager nicht tragbar zu sein schien. Ich bin kein Mensch, der nach großem Ruhm strebt…
Aber diese Gelegenheit hat eine Veränderung in mir hervorgerufen. „Nicht bedeutende Menschen treffen bedeutende Entscheidungen, sondern durch eine bedeutende Entscheidung wirst du zu einem bedeutendem Menschen.“ Ich denke, dies war nur einer von vielen Bergen, den ich meinem Leben überqueren muss.

15. Es sind noch zwei Monate übrig. Was für Pläne hast du in dieser Zeit?

Vor allem viel Zeit mit meiner Freundin verbringen. Außerdem möchte ich noch Urlaub mit meinen Freunden machen und generell viel Zeit mit meinen Freunden und unter Menschen verbringen.
Wenn möglich auch noch einmal meine Familie sehen… allerdings glaube ich, dass eine Versöhnung vor der Inhaftnahme unmöglich ist.- Ich denke, dass dies eine Lebensaufgabe sein wird. Es ist hier noch nicht zu Ende.
Ich bete dafür, dass wir uns nach meiner Freilassung wieder langsam auf einander zubewegen und versöhnen können.





Video: F. Enns

Evang. Landeskirche in Baden: Arbeitsstelle Frieden 
Voice for peace Nr. 6: Friedensfragen 
"Können wir unsere christliche Ethik bei Konflikten mit anderen Religionen zugrunde legen?" Diese Frage beantwortet Prof. Dr. Fernando Enns, Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“ Universität Hamburg & Vorstandsmitglied der DOAM. Link: 
https://youtu.be/_Js4f3seossMehr videoclips aus der Reihe "Voices for Peace: Friedensfragen" der Arbeitsstelle Frieden in der Evang. Landeskirche in Baden | YOUTUBE.COM

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