Begegnungstagung 2010: Faszination Buddhismus (Repp)

Martin Repp

Was macht die Faszination des Buddhismus unter Abendländern aus?

[...] Wenn man diese persönlichen Äußerungen zur Hinwendung zum Buddhismus analysiert, lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen sowohl in Bezug auf die gegenwärtige gesellschaftliche Situation (1.) wie auch bezüglich der heutigen religiösen Lage [...]:

1. Einige dieser Äußerungen weisen auf folgende gravierende Defizite der modernen Gesellschaft hin:

1.1 Der stress von Leistungsgesellschaft, die Schnell-Lebigkeit und die Hast des modernen (Arbeits-)Lebens überfordert offenbar viele Einzelne. Dies verlangt nach Gegengewichtung oder anderen Formen der Bewältigung solcher Probleme.

1.2 Die Vereinzelung und Auflösung von Gemeinschaft (Ehe, Familie) resultiert in Verunsicherung der eigenen Identität sowie in verstärkten persönlichen Krisen psychologischer und sozialer Art. Dies verlangt nach alternativen Formen von Lebensstil und Gemeinschaft.

1.3 Der Verlust oder Abbruch von Tradition in religiöser und moralischer Sozialisation bzw. Erziehung trägt wesentlich zur Entwurzelung von Menschen bei. Dies verlangt nach neuen Möglichkeiten der Orientierung wie auch Einübung.

Die Anthropologin Ina-Maria Greverus stellt in einer Untersuchung zur New Age Bewegung fest: Die Gesellschaft funktioniert nicht mehr als "sinnstiftende und sinnvermittelnde Instanz des objektiven Sinns. (Zit. bei Werthmann 158) Dies stellt erneut die Frage nach der Rolle von Religion und Religiosität in der modernen Gesellschaft. Offenbar hat Religion zunehmend ihre Integrationskraft verloren angesichts von Schnell-Lebigkeit, Pluralisierung und Segmentierung der modernen Lebenswelten. Das Sinndefizit moderner Industriegesellschaften wird auch zunehmend als Frage nach der religiösen Dimension des gesellschaftlichen Lebens formuliert. (Werthmann 161)

2. Andere Äußerungen weisen auf bestimmte Defizite des Christentums bzw. der Kirche in der heutigen Form:

2.1 Religiös suchende Menschen haben zunächst einmal kognitive Probleme mit dem christlichen Glauben bzw. den Dogmen: Gegenüber den Widersprüchen in christlichen Lehren (wie bei der Theodizee, usw.) erscheinen die Lehren des Buddhismus (wie Karma, Reinkarnation, etc.) einfacher und plausibel. Die Probleme, die moderne Menschen mit dem theistischen Gottesglauben (Gott als Person, Vater) haben, stellen sich im Buddhismus (zumindest auf den ersten Blick) nicht. Freilich ist christlicher Glaube oft mißverstanden als Glaube an Dogmen anstelle von Glaube an Gott oder Jesus. Offenbar besteht noch weithin die Auffassung, ein (aus der Orthodoxie stammendes) "Glauben daß ..." oder ein "blinder Glaube" mache den christlichen Glauben aus. Auch meinen manche, das Problem (oder der Widerspruch) von Glaube und Wissenschaft stelle sich nur im Christentum, nicht aber im Buddhismus. Auf derartige Fragen haben bereits Theologen mehr oder minder befriedigende Antworten gegeben, aber sie scheinen offenbar noch nicht durch religiöse Erziehung, Predigt und Seelsorge an der Basis (in verständlicher Weise) angelangt zu sein.

2.2 Ein Stein des Anstoßes bildet die Doppelmoral der Kirche, wenn ihre Vertreter sich nicht nach dem richten, was sie lehren. Offenbar ist dies nicht nur ein Grund für viele Kirchenaustritte, sondern auch für die Hinwendung zum Buddhismus. Hierbei taucht noch das Problem des unangemessenen Vergleichs auf, das in der Regel übersehen wird. Es wird nämlich die real-existierende Kirche (die man meint gut zu kennen), mit einem idealisiert-konstruierten Buddhismus (wie er aus Büchern und anderen Medien vermittelt und konstruiert wird) unmittelbar verglichen. Wenn abendländische Buddhisten dann mit der geschichtlichen und gegenwärtigen sozialen Wirklichkeit des Buddhismus in Asien konfrontiert werden (die in der Regel nicht viel besser ist), geraten sie in neue Schwierigkeiten. [...]. Vollständiger Text als pdf  > hier

 

Martin Repp

Eine Einführung in die Geschichte des Buddhismus
in Deutschland

[...] Von ca. 1800-1950 führten Europäer diejenigen Formen, Inhalte und Elemente des Buddhismus im Abendland ein, die ihnen wichtig erschienen. Erst in den letzten 50 Jahren kamen zahlreiche buddhistische Migranten nach Europa, die ihre sehr alten Traditionen des asiatischen Buddhismus ins Abendland verpflanzten. Zugleich begannen asiatische Buddhisten auch damit, in Europa gezielt zu missionieren. Zur Zeit ist der Buddhismus zwar eine Minderheiten-Religion, aber er gilt als die in Europa am stärksten wachsende Religion.

Zum Schluss stellt sich die Frage, wie entwickelte sich nun das Verhältnis zwischen dem Christentum als der traditionellen Religion Europas und dem Buddhismus als eine von Asien eingeführte Religion? Zusammengefasst kann man sagen, daß sich folgende vier grundlegende Modelle der Beziehung zwischen Buddhismus und Christentum entwickelt haben, die sich freilich z.T. überschneiden.

1. Buddhismus als Ersatz oder "Alternative zum Christentum"

Die Einführung des Buddhismus in Europa und die Phasen seiner zunehmenden Popularität fallen zusammen mit fundamentalen Krisen des Christentums im Abendland. Im 19. Jh. mussten sich Kirche und Theologie der Religionskritik der Aufklärung stellen wie auch ihren Folgen, dem Problem des Auseinanderfallens von Glauben und Wissen (Philosophie, Naturwissenschaft) und der naturwissenschaftlichen Kritik am Schöpfungsglauben.

Infolgedessen entwickelte sich insbesondere das protestantische Christentum selbst immer mehr zu einer "rationalen Religion". Hinzu kamen solche Folgeerscheinungen der Aufklärung wie die Säkularisierung als dem Auseinanderfallen von Kultur und Christentum, die Urbanisierung infolge der Industrialisierung und die zunehmende Auflösung der traditionellen Gesellschaftsformen, welche in Vereinzelung, Schwächung von traditioneller Moral sowie religiöser Entwurzelung resultierte. Solche Entwicklungen wurden aufgefaßt als beginnender "Untergang des Abendlandes". In den genannten Punkten wie Vernunftreligion, neue Moral, Wissenschafts-Verträglichkeit usw. wurde der Buddhismus als Alternative zum Christentum und Retter Europas entdeckt. Nachdem der Erste Weltkrieg eine gravierende Vertiefung dieser Entwicklung bewirkt hatte, verstärkte sich die Kritik am Christentum. Das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg bewirkten weitere Traditionsabbrüche in Moral und Kirche. Alle diese, für die Kirche sehr schwächenden Entwicklungsphasen waren begleitet durch eine positive und zunehmend verstärkte Aufnahme des Buddhismus als Alternative für die christliche Religion. Der Buddhismus wurde als "Religion des Friedens und der Toleranz" porträtiert und so in scharfem Kontrast zu Christentum und Islam gestellt. Damit entwickelte sich de facto ein kritisches oder gar negatives Verhältnis zwischen beiden Religionen, auch wenn der Buddhismus unter Christen heute allgemein ein positives Image hat.

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