1923 Bericht aus Tokyo

AEPM Allgemeiner Evangelisch-Protestantischer Missionsverein
ab 1929 Ostasienmission

Quelle: Ostasien-Jahrbuch Nr. 3, Berlin 1924 (S. 61-63)
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Bericht über die Missionsarbeit in Tokyo und meine Tätigkeit daselbst
von September 1922 bis Juni 1923.
Von W. Gundert.

Im letzten Viertel des vergangenen Jahres habe ich zwar die Missionstätigkeit, soweit mein Schulberuf mir Zeit ließ, wie bis dahin fortgeführt. Ich hielt regelmäßige Gottesdienste für die Koischikawa-Gemeinde wie für die in Tokio wohnhaften Deutschen, versammelte jeden Sonntag einige Studenten um mich, die ich in den Inhalt des Alten Testamentes einführte, las mit einem Theologiebeflissenen Augustins Bekenntnisse im Grundtext und pflegte, so viel ich konnte, persönliche Beziehungen. Aber einerseits war die Beteiligung namentlich seitens der Koischikawa-Gemeinde schwach und unregelmäßig, andererseits fühlte ich immer deutlicher, wie die doppelte Tätigkeit meine körperlichen und geistigen Kräfte überstieg, und so sah ich mich zu meinem Schmerz genötigt, mit dem Ende des Jahres 1922 von der geistlichen Tätigkeit im engeren Sinn zurückzutreten und nur noch die allgemeine Aufsicht über das Werk und die wirtschaftliche Verwaltung des Missionsbesitzes weiterzuführen, bis eine neue Kraft kommen würde, die in der Lage wäre, sich ganz der Arbeit zu widmen.

In meiner Arbeit hat es nicht an Lichtblicken gefehlt. Das vergangene Weihnachtsfest war von den Erwachsenen wie namentlich von den Sonntagsschulkindern gut besucht und nahm einen schönen Verlauf. Ebenso fand die Gemeinde anläßlich des schon berührten Besuchs von Herrn Superintendent v. Schiller am 24. Juni sich in stattlicher Zahl zusammen. Es traf sich gut, daß gerade auf diesen Tag das jährliche Blumenfest gefeiert werden konnte, an dem die Kinder der Sonntagsschule und des Kindergartens zur Freude der anwesenden Alten mit gleicher Begeisterung teilnahmen. Nach einem reichen Programm an Liedern, Deklamationen, Aufführungen und Erzählungen wurde die beglückte Jugend entlassen, und Herr Superintendent Schiller hielt noch eine religiöse Ansprache an die Erwachsenen.Überhaupt ist die Jugend lebendig. Die Arbeit an ihr ist in gutem Gang. Die Kindergärtnerin, Frau Sugenoya, hält mit ihrer Gehilfin, der Tochter des alten Missionsdieners Saito, regelmäßig Sonntagsschule, die durchschnittlich von zwanzig Knaben und Mädchen besucht wird, meist aus besseren Häusern der Nachbarschaft. Frau Sugenoya hat die Kinder vom dritten Schuljahr an aufwärts, Fräulein Saito die jüngeren. Erstere erzählt zur Zeit Geschichten aus dem Alten Testament, letztere solche allgemeineren sittlich-religiösen Inhalts aus den Kindern näherliegenden Gebieten. Die Teilnahme der Kinder ist rege, am Singen haben sie große Freude und werden nie müde, Geschichten zu hören. Eine der Schülerinnen erzählt auch selber gerne, z. B. wenn sie im Kino eine Geschichte von einem gehorsamen Kinde gesehen hat.

Ebenso steht der Kindergarten in Blüte. Die Zahl der Zugelassenen ist gegen frühere Jahre von Z0 auf 40 erhöht. Jedes Jahr muh eine Anzahl Kinder wegen mangelnden Raumes abgewiesen werden. Frau Sugenoya ist mit ganzer Seele bemüht, den Kindergarten im Anne seiner Gründerin, Frau Pfarrer Schröder, getreu weiterzuführen. Er hat dementsprechend weithin einen vorzüglichen Ruf. Die Eltern schätzen seine Anlage und seinen Betrieb: den reichlichen freien Platz mit Bäumen, die schöne Gelegenheit zum Umgang mit der Natur, den Sandhaufen, die liebevolle Pflege von Vögeln, Goldfischen, Seidenraupen wie von Blumen und Gemüse. Oft kann man es von den Eltern dankbar erwähnt hören, daß der Kindergarten auf ihre Kleinen einen vorzüglichen Einfluß ausübt. Er wirke ungemein beruhigend auf die jungen Nerven der Großstadtkinder, so daß mancher Kleine, der zu Hause nicht gut- tun wollte, hier ruhig und lenksam geworden sei. So war bis März dieses Jahres ein taubstummer Junge drei Jahre lang dem Kindergarten anvertraut. Er kam als nervöses, schwieriges Kind, warf anfangs Stühle um, hieb und biß. Allmählich begann er, sich wohl zu fühlen, er bemerkte auf dem Abreißkalender die roten Sonntagsziffern und verknüpfte damit deutlich das Bedauern, daß sie bedeuteten: „heute kein Kindergarten", er fing an. mit den ändern zu spielen, lernte ihnen die Worte von den Lippen lesen und deren Bewegungen nachahmen. bis er selbst die Lehrerin („Sensei") rufen und „guten Morgen" („ohayo") sagen konnte — alles nur durch den stillen Einfluß dieser gesunden Umgebung. Jetzt ist er bei seinen Eltern, liest bereits die japanische Silbenschrift und wird bald in eine Taubstummenanstalt eintreten. Auch jetzt ist ein Kind da, das zuerst ganz einspännerisch allein herumlärmte und nun, durch den Sandhaufen und den Umgang mit der Natur ruhig geworden, fröhlich mit den andern spielt.

Wie erwähnt, beschränkte sich meine Arbeit in diesem Jahre hauptsächlich auf die wirtschaftliche Verwaltung des Missionseigentums. Da die Station sich selbst erhalten und obendrein noch einen Teil der Ausgaben für Kyoto tragen muß, endlich auch die im Kriege gemachte Schuld zu tilgen hat, so kommt auf eine gute Bewirtschaftung viel an. Bei der Größe des Anwesens und dem Alter der Gebäude, Zäune usw. ist immer viel auszubessern. Mit den Mietern allen stehe ich auf gutem Fuße, doch ist beständige Aufmerksamkeit nötig. Ich muß daher mindestens zwei-, wenn nicht dreimal monatlich anderthalb Tage auf dem Platze sein. Leider ist ein Mieterwechsel im Anfang dieses Monats (Juli) für uns unvorteilhaft ausgefallen, indem sich niemand fand, der das Haus Schröder mit Möbeln mieten wollte, und diese allein auch noch nicht vermietet werden konnten. Die längst geplante Gründung einer juristischen Persönlichkeit hat sich wegen technischer Schwierigkeiten und wegen meiner, in diesem Jahr häufig geschädigten Gesundheit leider bis heute hinausgezogen, doch hoffe ich, daß diese Angelegenheit noch im Laufe dieses Herbstes erledigt werden kann.





OAM-Gedenktage

04.06.1884 Gründung des AEPM (OAM) in Weimar

22.10.1945 Gründung der Schweizerischen Ostasien-Mission SOAM

26.02.1948 Gründung der japanischen Stiftung Christliche Oastasien-Mission in Kyoto, Japan

10.12.1952 Gründung der DOAM Deutsche Ostasienmission in Hamburg

1972 Gründung der EMS
Namensänderung zum 1.1.2012:
"Evang. Mission in Solidarität" EMS

1973 Gründung des BMW 

01.05.1980 Gründung der Diakonia-Schwesternschaft in Korea 

1982 Gründung des Tomisaka Christian Center TCC in Tokyo

23.02.1991Vereinigung von OAM-DDR und DOAM in Erfurt

Geschichte der DOAM

4. Juni 1884 Gründung des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins AEPM

1929 Umbenennung in Ostasienmission

Der AEPM benannte sich 1929 offiziell in "Ostasienmission" oder OAM um. Der Titel hatte schon seit 1921 als Untertitel Verwendung gefunden. Das sollte aber nicht bedeuten, dass der Verein für alle Zeiten sich auf Mission in Ostasien beschränken wollte... Im Jahresbericht von 1911 schreibt Missionar Emil Schroeder zu Kirche und Mission: "Nur die Kirche ist stark, die Mission treibt. Nur dort ist sie wirksam als Macht, wo sie Mission treibt."

1945 Trennung des schweizerischen Zweiges und Gründung der Schweizerischen Ostasien-Mission (SOAM)

1952 Gründung der Deutschen Ostasienmission (DOAM)

1972 Gründung des Evang. Missionswerkes in Südwestdeutschland EMS

1973 Gründung des Berliner Missionswerks BMW

1992 Vereinigung von OAM (im Bereich der ehemaligen DDR) und DOAM (im Bereich der ehemaligen BRD) zur Deutschen Ostasienmission DOAM.

2002 Vereinbarung zu enger Zusammenarbeit von SOAM und DOAM

2007/2008 Satzungsänderung

2009 Neugründung der Stiftung "Christian East Asia Mission" in Kyoto, Japan