2006: Rundbrief Dezember

Ein unerwartetes Ereignis

Maria aber erschrak über die Rede und dachte: “Welch ein Gruß ist das?
Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiss?
Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.”
(aus Lukas 1,29.34.38)

“Wie soll das zugehen?”

Diese Worte Marias sind ein Ausdruck, den wir benützen, wenn uns in unserem Leben etwas Unerwartetes zustößt. Wir leben normalerweise inmitten von Dingen, an die wir gewohnt sind und auf die wir routinemäßig reagieren, ohne besonders darueber nachzudenken. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat gesagt, dass “der Augenblick, in dem uns das Unbekannte (das Unerwartete) begegnet, der Punkt ist, an dem unser Denken erwacht oder unser Handeln beginnt”. Mit anderen Worten entspringt unser Denken grundlegend der Begenung mit dem Unerwarteten bzw. kollisionsartigen Zusammentreffen.

So entsteht auch in Maria durch den unvorhergesehenen Besuch des Engels ein Gedanke. Maria “... dachte (Vers 29): ... Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?” (Vers 34)

Auch wir erleben in unserem Leben Menschen, Dingen und Gefahren, die wir nicht verstehen können. Wie reagieren wir angesichts solcher Erfahrungen? Zuerst lehnen wir solche Dinge oder Personen ab, und auch wenn wir sie annehmen, benötigen wir Abstand und Zeit zum Nachdenken. Wenn wir uns so Zeit und Abstand nehmen fürs Nachdenken, entsteht ein Freiraum für etwas anderes. Dieses andere kann man als Anderen und den ganz andersartigen (den im ganz anderen verborgenen) Gott bezeichnen.

Die Zeit der Schwangerschaft, insbesondere die ersten drei Monate der Schwangerschaftsbeschwerden ist eine Zeit, in der die Mutter durch das Eindringen eines Fremden ins eigene Leben auf extreme Weise Fremdheit und Beschwerlichkeit erfährt. Auch unsere Begegnung mit dem durch die Geburt Jesu kommenden Gott ist eine Erfahrung eines unerwarteten Ereignisses, das sich von unserem geregelten, bequemen und gewohnten Alltag unterscheidet.

Als Maria ihr Schicksal annahm, indem sie sagte: “Siehe, ... mir geschehe, wie du gesagt hast.” antwortete sie damit zwar unmittelbar auf die Worte des Engels, wir können aber ahnen, wie viele Spannungen und Sorgen sie dabei gehabt haben mag. Ihr ging es wie Jesus in Gethsemane als er, angesichts der Spannung zwischen dem eigenen Willen und Gottes Willen, die ganze Nacht hindurch Blut und Wasser schwitzend betete. Aber sowohl Jesus als auch Maria blieben, als sie ihr Los mit den Worten “Dein Wille geschehe” annahmen, auf dem richtigen Weg, der für Maria die Geburt Jesu und für Jesus die Auferstehung bringt.

Durch das Ereignis, das unser Leben als alter Adam umkehrt, werden wir eine neue Kreatur, die fuer den anderen existiert. Dies Ereignis, ist das Ereignis, das Jesus in mir zur Geburt bringt. Die Geburt des Jesuskindes ist für uns ein unvorhergesehenes Ereignis. Durch dieses Ereignis kommt Gott in unser Leben.

Mein mir gegebenes alltägliches Leben nach der gewohnten Weise zu leben, heißt ohne zu denken zu leben. Aber indem ich mir die gewohnten Dinge Essen, Gebet, Begegnungen, etc. bewusst mache, werde ich durch die Erkenntnis in jedem Moment meines Lebens erweckt. Dadurch begegnen wir Gott, der in diesen Momenten unser Leben neu schafft und ein Leben des Dankes für Gottes Gnade beginnt.

Rückblickend auf das Jahr 2006,

danken wir für Gottes Hilfe, dessen Gegenwart wir in unser aller Leben gespürt haben.

Die Schwestern in Mokpo führen eine Kampagne mit dem Namen “Sammlung von Ziegeln der Liebe” durch, mit der Unterstützungsgelder für den Neubau eines Altenpflegeheims für 50 Personen gesammelt werden. Durch die Hilfe von Unterstützern, angefangen mit Grundschülern bis zu den Familienangehörigen der Bewohner unseres Pflegeheims “Hansan-Chon”, werden Ziegelsteine gesammelt.

Am 1. und 2. September wurde in der Stadt Mokpo ein “Basar des Teilens aus Liebe” durchgeführt. Durch die mitgebrachten Spenden der Mitglieder der europäischen Gebetsgemeinschaft, die seit langem ein Förderer der Schwesternschaft ist und alle zwei Jahre  Korea besucht, und durch eine vorbereitete Aufführung wurde der Basar sehr bereichert. Der Gewinn des Basars kommt dem Neubau des Altenpflegeheims zugute.

Herr Chang-Su Park, der im Altenpflegeheim im Hansan-Chon lebt, feierte seinen 60. Geburtstag. An der Geburtstagsfeier von Herrn Park, der seit ca. 20 Jahren zusammen mit der Schwesternschaft lebt zunächst im Heim für unheilbare TBC-Patienten und jetzt im Altenpflegeheim nahmen nicht nur die Bewohner des Altenpflegeheims, sondern auch Freunde und Angehörige des Geburtstagskindes teil und verbrachten fröhliche Stunden.

Auch in diesem Jahr wurden an ca. 40 Jugendliche aus bedürftigen Familien Stipendien verteilt. Neben den Stipendien bieten wir auch Beratung, Raumpflege, Besuche kultureller Einrichtungen etc. an, durch die wir herzliche Beziehungen zu den Freunden und Nachbarn pflegen. Des weiteren besuchen die Schwestern bedürftige Familien und pflegen Kranke, unterstützen die finanziell Not Leidenden und vermitteln Kontakten zu ehrenamtlichen Helfern. Auf diese Weise verwirklichen sie ein mit dem Nächsten verbundenes und gemeinsam gelebtes diakonisches Leben.

Die Schwestern in Cheonan feierten im April in einem Gottesdienst die Aufnahme von Schwester Mi-Hyeon Park in die Schwesterschaft.

Für Personen, die spirituellen Hunger und Durst nach Gott verspüren, wurde eine Einkehrtagung mit Stillem Gebet durchgeführt. Die teilnehmenden Personen blickten durch Bibellektüre und einfaches Gebet auf ihr eigenes Leben zurück und leerten sich und erlebten eine Begegnung mit Gott. Auch wir, die wir miterlebten, wie sie zu neuer Freude wiedergeboren wurden, stimmten mit ein in das Lob Gottes.

Schwester Gyu-Suk Ahn befand sich während ihres Sabbatjahres in einem zehnmonatigen Urlaub und konnte körperlich und spirituell neue Kraft schöpfen.

Die Schwestern nahmen teil an einer Gebetsveranstaltung der Friedensvereinigung der kirchlichen Frauen, zu der etwa 20 kirchliche Frauenvereinigungen unterschiedlicher Denominationen gehören. Diese Gebetstreffen werden an jedem zweiten Mittwoch im Monat durchgeführt, sind z.B. gegen den Krieg und für die Unterstützung von Kindern in Nordkorea, und verfolgen die Absicht, richtige Einstellungen und Informationen zu Friedensfragen und zum Friedensverständnis zu verbreiten, sowie die Friedenssehnsucht zu fördern.

In diesem Jahr gab es viele unvorhergesehene und unerwartete Ereignisse, die uns bei unserem Leben mit armen, kranken und marginalisierten Nächsten erschreckt haben. Wir haben angesichts dieser Ereignisse aber tief nachgedacht und nach Gottes Willen gefragt und schließlich gebetet “Dein Wille geschehe” und erfahren, dass Gott mitten in unserem Leben bei uns ist und Gott gedankt und Lob gesungen.

Wir danken allen, die unser Leben aufmerksam verfolgen, uns durch Gebet und materiell unterstützen und ermutigen, von Herzen und wünschen ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes Neues Jahr!
Dezember 2006
Jeong-Ran Kim
Oberin der Diakonia Schwesternschaft in Korea

Diakonia

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Haus der Spiritualität und des Friedens | Mutterhaus

KTSI: Forschungsinstitut für eine künftige Kultur

Das KTST wurde im Jahre 1973 in enger Zusammenarbeit zwischen koreanischen Kirchen und theologischen Institionen sowie den deutschen Kirchen gegründet. Prof. Dr. AHN Byung-Mu, der in den 1960er Jahren in Heidelberg studiert hatte, entwickelte die Idee, sein Studienkollege, Prof. Dr. Ferdinand Hahn, unterstützte ihn dabei. So kam die Deutsche Ostasienmission ins Spiel, die das Unternehmen von Anfang an aktiv unterstützte.

1996 wurde auch dieses Institut in die Aunae-Stiftung eingebracht bzw. umgewandelt.
Das KTSI hat in den ersten 30 Jahren die besten biblischen Kommentare der westlichen Welt der Theologie-studierenden Jugend Koreas zur Verfügung gestellt. Das war auch die Zeit der Militärdiktatur, die das Publizieren nicht leicht machte.

Der erste Direktor des KTSI, Prof. Dr. AHN Byung-Mu wurde mehrmals verhaftet, seine Kollegen Prof. MOON Ik-Hwan und Prof. MOON Dong-Hwan ebenso wie auch Prof. SUH Nam-Dong und Prof. LEE Moon-Young. Dazu mehrere angestellte Mitarbeiter des Instituts.

DIAKONIA

Die Diakonia-Schwesternschaft wurde am 1. Mai 1980 gegründet. Sie hat zwei Heimstätten: die soziale Arbeit in Mokpo und die Kommunität und der Gästebetrieb in Chonan.