buraku wirsinddochmenschen Buraku-Befreiung
"Der verwundete und zu Boden gefallene Mensch, ist das nicht Jesus selbst?" (Pfr. SEKI, Kyoto, 2002)
"Anerkennung verweigern nicht zuletzt viele Christinnen und Christen" (M. Sonntag)
"Ich bin doch ein Mensch"  (Kalligraphie aus der Befreiungsbewegung der Buraku)

Buraku-Befreiung

AK Sinti/Roma und Kirchen: Vortrag: Antiziganismus und die Rolle der Kirchen

Buraku, Sinti & Roma und andere Minderheiten

Der AK Sinti/Roma und Kirchen in Baden-Württemberg
feierte seinen 10. Geburtstag im Haus der Begegnung in Ulm

am 1. Juli 2009

 

Vortrag - Prof. Dr. Wilhelm Solms, Marburg

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Dr. Wilhelm Solms


Antiziganismus und die Rolle der Kirchen

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Prof. Dr. Wilhelm Solms, Marburg


Hängt der Antiziganismus, dem man in allen Schichten der Gesellschaft begegnet, auch mit den Kirchen zusammen? Gibt es einen religiösen Antiziganismus, der im Kirchenvolk verbreitet ist, einen theologischen Antiziganismus oder einen kirchlichen Antiziganismus, der von den Leitern der Kirchen ausgeht?

Der âAntiziganismusâ, die ablehnende oder offen feindliche Haltung gegenüber den so genannten âZigeunernâ, ist mit christlicher Nächstenliebe nicht vereinbar. Hinzu kommt, dass die deutschen Sinti und Roma im Unterschied zur Mehrheit so gut wie alle Christen sind und noch vor einer Generation zu 90 Prozent Katholiken waren.

Die Grundlage der Erfassung, Aussonderung, Deportation und Vernichtung der Sinti und Roma in Europa war ebenso wie bei den Juden und den Behinderten die nationalsozialistische Rassenpolitik. Diese wurde von der katholischen Kirche und zumindest von Teilen der evangelischen Kirche wie der âBekennenden Kircheâ eindeutig abgelehnt. Trotzdem haben sich die Kirchen ebenso wie die verschiedenen Widerstandskreise zur Deportation und Vernichtung der Sinti und Roma nicht geäußert. Und trotzdem haben die Kirchen nach dem Krieg mehr als dreißig Jahre lang den Völkermord an den Sinti und Roma nicht anerkannt und sich zu ihrer Mitschuld nicht bekannt. Warum?
Nachdem ich mehr als ein Dutzend Kirchenhistoriker vergeblich gebeten habe, dieses Thema, das bis heute ein Desiderat der NS-Forschung darstellt, zu bearbeiten oder von Vertretern des wissenschaftlichen Nachwuchses bearbeiten zu lassen, habe ich es selbst versucht[1]

und zusammentragen, was von Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter[2]

, von den Schriftstellern Reimar Gilsenbach und Michail Krausnick, dem Historiker Wolfgang Wippermann[3] und anderen publiziert wurde.

Ich beginne mit der NS-Zeit. Denn zunächst muss ich die Behauptung, dass die Kirchen eine Mitschuld trifft, beweisen. Danach behandle ich in Form von Stichworten - den vollständigen Text können Sie in dem Band über diese Jubiläumsveranstaltung nachlesen â die Zeit von der frühen Neuzeit bis 1933, um hier nach einer Antwort auf die Frage, warum beide Kirchen geschwiegen haben, zu suchen. Zuletzt werfe ich einen Blick auf die Zeit nach 1945, um herauszufinden, warum ihre Rolle von den Kirchenhistorikern bis heute verschwiegen oder beschönigt wird.


Erster Teil: Drittes Reich


Die Mithilfe von Kirchenvertretern bei der Aussonderung der Opfer

âDie verfassungswidrige Erfassung von âZigeunernââ, die âansatzweise im Kaiserreich und in der Weimarer Republik praktiziert wordenâ war, wurde von den Nazis in den dreißiger Jahren perfektioniert.[4] Die Gutachten zur Identifizierung und Beurteilung der âZigeunerâ wurden von der von Dr. Robert Ritter geleiteten âRassenhygienischen Forschungsstelleâ erstellt. Diese Forschungsstelle sonderte neben so genannten âVollzigeunernâ vor allem âZigeuner-Mischlingeâ aus, wozu sie auch âViertelzigeunerâ zählte: das sind Personen, von denen eines der vier Großeltern oder zwei der acht Urgroßeltern âzigeunerischâ waren.

Wie konnte Ritter herausfinden, ob deutsche Bürger der dreißiger Jahre zigeunerische Urgroßeltern hatten, die um 1800 gelebt haben dürften? Unglückseligerweise kamen ihm hier die Kirchen zu Hilfe. Für die Zeit vor 1875, der Einführung der Zivilehe, waren die Kirchenbücher oft die einzigen Dokumente, in denen Sintifamilien registriert waren. âSchon am 13. Februar 1934 veröffentlichte die âBayerische Landeskirchenleitungâ als erste eine Bekanntmachung zur Sicherung und Auswertung aller Kirchenbücher für rassenkundliche Forschungen.â[5] Ritter, forderte dann im Rundbrief vom 31. Oktober 1936 alle deutschen Pfarrer auf, ihm Auszüge aus âalten oder neuen Familienregisternâ zu schicken, auf denen âZigeunerfamilienâ verzeichnet sind. Daraufhin gaben die Pfarrer, sei es freiwillig, auf Wunsch der Landeskirche oder auf Druck der Polizei, die in den Kirchenbüchern verzeichneten Namen von Sinti preis. Möglicherweise haben einzelne Pfarrer keine Auskunft gegeben. Hätten sich einzelne Bischöfe widersetzt, so wäre dies irgendwo vermerkt worden.[6]

Die Kirchen müssen aufgrund des Runderlasses zur âBekämpfung der Zigeunerplageâ vom 6. Juni 1936 und polizeilicher Maßnahmen gewusst haben, dass die Sinti und Roma im ganzen Reich erfasst und großenteils auf Sammelplätzen und in Lagern interniert wurden; sie wussten damals aber noch nicht, dass diese deportiert und vernichtet werden sollten. Doch noch im November 1940, nach der Ankündigung der Zwangssterilisierung im Januar und den ersten großen Deportationen im Mai, stellte sich Kardinal Bertram, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hinter die Anordnung des Chefs der deutschen Polizei und SS-Führers Heinrich Himmler, dass Auszüge aus Kirchenbüchern nur der Kriminalpolizei übergeben werden dürften.[7]

Aufgrund dieser Auszüge und von Unterlagen aus Bürgermeisterämtern, Archiven und Polizeiakten[8] konnten Ritters Mitarbeiter in den nächsten Jahren 20.000 bis 24.000 âRassen-Gutachtenâ erstellen[9], die dann die Grundlage für die Deportation und weitgehende Vernichtung der Betroffenen bildeten.

Die Deportation von Sintikindern aus katholischen Heimen

Die Kinder von Sinti, die die Nazis in Konzentrationslager gesperrt hatten, wurden als angeblich schwer erziehbare oder elternlose âZigeunerkinderâ in katholischen Kinderheimen untergebracht. Sie kennen vermutlich die Geschichte der 39 Sintikinder, die seit 1938 in der St. Josephspflege in Mulfingen von Barmherzigen Schwestern beaufsichtigt wurden. Sie blieben dort bis zum 9. Mai 1944, wurden also über ein Jahr von den Deportationen aller in Deutschland lebenden âZigeunerâ und âZigeunermischlingeâ nach Auschwitz verschont, weil Eva Justin, Ritters rechte Hand, sie als Demonstrationsobjekte für ihre Dissertation benutzte. Sie suchte nachzuweisen, dass auch âartfremdâ erzogene, und das heißt hier: nicht in ihrer Familie, sondern in einem katholischen Heim erzogene âZigeunerkinderâ unerziehbar seien, was durch die erhalten gebliebenen Filmaufnahmen, die freundliche und wohlerzogene Kinder zeigen, widerlegt wird. Zwei Monate nach Abschluss ihrer Dissertation wurden die Kinder bis auf eines nach Auschwitz ânachgeliefertâ, wo 35 von ihnen vernichtet wurden[10]. Der Ortspfarrer, der den Abtransport vorbereitete, wusste, dass die Kinder nicht zurückkommen. Denn er richtete an den Caritasverband die Bitte, das Heim neu zu belegen, die dieser dem Bischöflichen Ordinariat in Rottenburg weitergab.[11] Die Geschichte der Kinder von Mulfingen wurde erst lange nach dem Krieg bekannt, aber nicht durch das Bistum, sondern durch die Berichte der Überlebenden.

Es gab auch viele andere katholische Heime, aus denen Sintikinder deportiert wurden, wie in Hildesheim, Pirmasens,

 

im hessischen Hünfeld und in Ehingen. Wann endlich beauftragen die Bischöfe einen katholischen Kirchenhistoriker, âdie Kloster-, Heim-, Caritas- und Diözesanarchive zu öffnenâ?[12]

Das Schweigen der katholischen Kirche zur Deportation und Vernichtung der Sinti und  Roma

Als die Sinti und Roma im Mai 1940 aus den westlichen und nordwestlichen Grenzgebieten nach Polen in Arbeitslager und im März 1943 aus ganz Deutschland in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, wurde dies weder vom Vatikan noch von der Deutschen Bischofskonferenz öffentlich verurteilt. Zwei Bischöfe haben immerhin den Versuch gemacht, Kardinal Bertram zu einem öffentlichen Protest zu bewegen.

Am 6. März 1943, wenige Tage vor der Deportation, schrieb der Hildesheimer Bischof Machens dem Vorsitzenden einen bedenkenswerten Brief. Er stellt die Frage, âwas kann geschehenâ, und das heißt: was kann die Kirche tun, und gibt eine klare Antwort, die vier Seiten berücksichtigt. Sie muss sich schützend vor âunsere Glaubensbrüderâ, die bedrohten Sintikinder, stellen, sie muss vor ihren âGläubigenâ deutlich herausstellen, dass sie solche verbrecherischen Maßnahmen verurteilt, sie muss der Regierung offen sagen, dass sie diesen Verstoß gegen âGottes- und Menschenrechteâ nicht duldet, und sie darf in der âdeutschen Öffentlichkeitâ nicht den Eindruck entstehen lassen, dass sie es nicht wagte, offen zu protestieren. Darauf, dass sich die Bischöfe und damit auch er selbst in Gefahr bringen könnten, nimmt er keine Rücksicht.

Angenommen, die Deutsche Bischofskonferenz hätte dementsprechend gehandelt. Vielleicht hätte sie die Regierung zögern lassen und die in katholischen Heimen untergebrachten Sintikinder gerettet; auf jeden Fall hätte sie die rassistischen Völkermorde der Regierung aufgedeckt und ihr eigenes Ansehen bei den Gläubigen und in der Öffentlichkeit bewahrt.

Kardinal Bertram schlug stattdessen ein gemeinsames Hirtenwort vor, welches, nachdem der Entwurf entschärft worden war, am 19. August beschlossen wurde. In dem Hirtenbrief, der in Hildesheim schließlich am 19. und 26. September, also ein halbes Jahr später, von den Kanzeln verlesen wurde, ist der Anlass des Protestes, die Deportation der Hildesheimer Sintikinder, nicht mehr erkennbar.[13]

Am 5. April 1943 setzte sich der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber in zwei Schreiben an den Kommissar der Fuldaer Bischofskonferenz, Bischof Dr. Wienken mit âNachricht an Erzbischof von Breslauâ (= Kardinal Bertram) dafür ein, dass die in Freiburg âwohlgelitteneâ Familie Reinhardt von der Deportation ausgenommen wird. Der Kommissar der Bischofskonferenz antwortete, er habe den Vorgang âan zuständiger Stelleâ besprochen und sehe leider âkeine Möglichkeit, dass dieser Vorfall als Einzelfall bearbeitet werden kannâ.[14] Demnach begriff er, dass es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um einen Völkermord handelte, der keine Ausnahme zuließ, war aber nicht bereit oder befugt, dagegen zu protestieren.[15]

Ich habe auch nach Hilfeleistungen und Rettungsaktionen einzelner Pfarrer gesucht, bisher aber nur wenige Beispiele gefunden.[16] Der katholische Pfarrer Arnold Fortuin aus Illingen im Saarland, der 1965 der erste âNationalseelsorgerâ wurde, hat Sinti versteckt und ihnen über die Grenze nach Frankreich geholfen.[17] Der Dominikanerpater Odilo Braun hat den Fuldaer Bischof Johann Dietz um Schutz für die katholischen Sintikinder gebeten. Schwester Germana von der Kirchengemeinde St. Bonifaz in Hamm hat Sintijungen in die Messdienergruppe aufgenommen und ihnen, wo sie nur konnte, geholfen. Ein belgischer Priester stellte âfalsche Schweizer Pässe für Hunderte von Sintiâ aus, um sie vor der Deportation zu retten. Er âzerstörte auch alle Register, um die Entdeckung der Roma, Sinti und Travellers zu verhindern.â[18] Und der evangelische Pfarrer Hermann Witte aus Magdeburg hat sich im November 1938 beim Reichskriminalpolizeiamt in Berlin in mehreren Gesuchen für die Freilassung von Magdeburger Sinti eingesetzt, die im Zuge der âAktion Arbeitsscheuâ verhaftet worden waren.[19] Es gab auch Pfarrer, die in âZigeunerlagernâ âihren Aufgaben der Seelsorge gegenüber den âZigeunernââ nachkamen, wie Otto Rosenberg in seinem Lebensbericht festgehalten hat. Warum erinnern die Kirchen nicht an diese und sicher noch viele andere Männer und Frauen?

Vielleicht lässt sich eine Antwort auf all diese Fragen finden, wenn wir die Rolle der Kirchen in der Verfolgungsgeschichte der Sinti seit ihrer Einwanderung zu Beginn des 15. Jahrhunderts betrachten.


Zweiter Teil: Vorgeschichte


Die Bezeichnung der eingewanderten Glaubensflüchtlinge als Heiden

Die Sinti hatten auf ihrem Weg von Indien nach Europa wahrscheinlich etwa hundert Jahre in Kleinasien und auf griechischen Inseln gelebt und damals den christlichen Glauben angenommen. Als die Türken das byzantinische Reich eroberten, sind sie teils auf dem Seeweg über Italien, teils auf dem Landweg über die Balkanländern und Ungarn nach Deutschland geflohen.

Sie selbst haben, wie in damaligen Chroniken berichtet wird, ihre Wanderung als âBußfahrtâ bezeichnet und sie mit der âFlucht des Herrn nach Ägyptenâ[20] verglichen. Es kann sein, dass sie die Geschichte von der Bußfahrt zu ihrem Schutz erfunden haben. Es ist aber durchaus möglich, dass sie auf der Flucht vor den islamischen Türken, d. h. als âGlaubensflüchtlingeâ nach Deutschland gekommen sind[21]. Sie hatten auch Geleitbriefe des in Ungarn residierenden Königs Sigismund und zweier Päpste dabei. Trotzdem wurden sie im Volk âHeidenâ genannt und in Chroniken als âreligionslosâ[22] bezeichnet.

Warum? Ich vermute, wegen ihres fremdartigen Aussehens und ihrer dunklen Hautfarbe, die von den Chronisten als âschwarzâ beschrieben wurde. Schwarze Hautfarbe wurde, wie mehrere Chroniken belegen, mit Unglauben oder Heidentum verbunden und galt sogar als Teufelsfarbe. Und Ägypten, das damals für ihr Herkunftsland gehalten wurde â daher der englische Name âgypsyâ -, galt als ein Land, âwo Hellseherei und Zauberei allgemein üblich sindâ[23].

Die Verurteilung der Sinti als Spione der Türken auf den Reichstagen

Die anfängliche Duldung der Einwanderer kehrte sich ab Mitte des 15. Jahrhunderts in offene Ablehnung um. Da sie sich nirgends niederlassen durften, schlossen sie sich dem wachsenden Heer der Fahrenden an, die von den Sesshaften als Bedrohung empfunden wurden. Seit 1496 traten die Fürsten und Bischöfe aufgrund des Vordringens der Türken in Südosteuropa auf mehreren Reichstagen zusammen. Da die Sinti von dort gekommen waren, entstand der Verdacht, dass die Türken sie als Spione vorausgeschickt hätten. Auf dem Augsburger Reichstag von 1498 wurden sie dann als Spione verurteilt und für vogelfrei erklärt. Auf den späteren Reichstagen und in Landesordnungen wurde dieser Beschluss bestätigt. Es gelang zwar nicht, die Sinti aus dem Reich zu vertreiben, aber sie wurden in den Untergrund gedrängt.

Martin Luther über die âZigeunerâ

Mit der Reformation von 1517 hat sich die Einstellung gegenüber den so genannten âZigeunernâ nicht verbessert, sondern weiter verschärft. Martin Luther, einer der ersten Vertreter, wenn nicht der Urheber des protestantischen Arbeitsethos, das bis heute verbreitet ist, verurteilte die Fahrenden, die betteln, statt zu arbeiten, pauschal als Spitzbuben, die lügen, stehlen und betrügen, und bezichtigte die fahrenden âZigeunerâ außerdem des Taufbetrugs, der Unzucht und der âschwarzen Kunstâ. Die negative Einstellung der Protestanten gegenüber fahrenden Bettlern dürfte die Ursache gewesen sein, weshalb damals viele Sintifamilien aus dem protestantischen Norden in den katholischen Süden, vor allem nach Baden gezogen sind.

Die Dämonisierung der âZigeunerâ nach dem Konzil von Trient



Die Sinti konnten sich aber auch in katholischen Gegenden nicht sicher fühlen. Auf dem Konzil von Trient (1545-1563) und den anschließenden Diözesansynoden suchte die katholische Kirche den rechten Glauben gegenüber dem Protestantismus und anderen Glaubenslehren eindeutig abzugrenzen. Dabei gerieten die Sinti, die an ihren tradierten Riten festhielten, unter Häresieverdacht. Herkömmliche Tätigkeiten wie Wahrsagerei, Heilkunst und Zauberkunst wurden als Dämonie betrachtet, und sie selbst wurden zu Schismatikern, zu Verbreitern von Aberglauben oder zu Anhängern des Islam erklärt.

Das damals bestätigte Vorurteil, sie seien Ungläubige oder Heiden, hatte auch seine gute Seite. Die Sinti blieben von den damaligen Hexenverfolgungen weitgehend verschont. Denn diese richtete sich gegen Christen, denen man vorwarf, dass sie der Versuchung durch den Teufel erlegen und vom Glauben abgefallen wären.

Es gab in der katholischen Kirche aber auch Fürsprecher. Der hl. Philipp Neri protestierte gegen die zwangsweise Rekrutierung von âZigeunernâ als Ruderer der päpstlichen Flotte. Der hl. Josef von Calasenza wurde im Jahr 1600 mit der Evangelisierung der âZigeunerâ beauftragt. Kurz darauf wurde in Rom eine âZigeunerkongregationâ gegründet, die im 17. Jahrhundert für die durchreisenden âZigeunerâ tätig war.[24]

Nördlich der Alpen haben katholische und evangelische Theologen die âZigeunerâ übereinstimmend der Zauberei oder schwarzen Magie beschuldigt[25] und gefordert, âdass man sie für keine Christen achte und halte, viel weniger sie unter den Christen dulden sollâ.

Märchen über die Rolle der âZigeunerâ in der Geschichte der Juden.


Seit der Frühen Neuzeit wurden in Form von Volkslegenden und Volksmärchen Lügengeschichten verbreitet, die sich zur âreligiösen Rechtfertigungâ der Vertreibung eignen.

Die sog. âZigeunerâ, die frühestens 1000 Jahre nach Christi Geburt in den Nahen Osten gekommen sind, seien erstens Nachkommen von Kain.[26] Sie seien zweitens die Leibwächter des Königs Pharao gewesen[27] und am Ufer zurückgeblieben, als Pharao den Juden in das sich öffnende Rote Meer nachsetzte. Drittens hätten sie der Heiligen Familie bei ihrer Flucht nach Ägypten das Nachtquartier verweigert, und viertens hätten sie die Kreuznägel Christi geschmiedet.[28] Die Moral dieser vier Geschichten ist stets dieselbe. Gott hätte sie zur Strafe in alle Welt zerstreut und zu ewiger Wanderschaft verdammt. Wer die âZigeunerâ vertreibt, so die Nutzanwendung dieser Moral, verrichtet das Werk Gottes.

Missionsversuche nach der Aufklärung


Die Verordnungen von Maria Theresia (1761) und Joseph II (1782) zurzwangsweisen Assimilierung der âZigeunerâ, die auch âchristliche Erziehungâ, regelmäßigen Kirchenbesuch und âBeweise von christlicher Gesinnungâ vorsahen[29], erwiesen sich als undurchführbar. Die ihren Eltern weggenommenen Romakinder flüchteten aus den Erziehungsanstalten zurück zu ihren Familien, die mit ihnen das Weite suchten. Ein Erziehungskonzept, das allein den Nutzen für Staat und Gesellschaft verfolgt und auf den Willen und die Bedürfnisse der Zöglinge keine Rücksicht nimmt, kann nur scheitern.

Die Missionsversuche in Deutschland aus dem 19. Jahrhundert waren ebenso wenig erfolgreich. In dem im katholischen Eichsfeld gelegenen preußischen Dorf Friedrichslohra, in dem mehrere katholische Sintifamilien in ärmlichsten Verhältnissen lebten, gründete ein evangelischer Missionsverein im Jahr 1830 eine Erziehungsanstalt, nahm den Erwachsenen, die er in Arbeitshäuser steckte, ihre Kinder weg und suchte diese für die evangelische Konfession zu missionieren. Nachdem der katholische Ortspfarrer protestiert hatte und mehrere Kinder geflohen waren, wurde die Anstalt 1837 wieder aufgelöst.[30]
Größere Bedeutung hatte die lutherische âZigeunermissionâ in Berlin, die von 1910 bis 1936 tätig war, Gottesdienste und Bibelstunden veranstaltete und die Zeitschrift âStadtmissionâ herausgab. Sie betrachtete die katholisch getauften Sinti als âHeidenâ, die âarbeitsscheu und unsittlichâ seien, und den Marienkult als Aberglauben. Dieser Missionsversuch scheiterte auch deshalb, weil er der von der Regierung schon vor 1933 verfolgten Politik der Vertreibung oder der Festsetzung in âZigeunerlagernâ im Wege stand.[31]

Die Ausgrenzung der Sinti aus den nationalen Volkskirchen des 19. Jahrhunderts


Obwohl nach 1820 die Verfolgung der Sinti nachließ, hielt der religiöse Antiziganismus das ganze 19. Jahrhundert hindurch an. Die Ursache dürfte der konservative Nationalismus gewesen sein, der sich damals in Deutschland ausbreitete und auch die beiden Kirchen erfasste. Die âNationâ wurde als eine naturgegebene Größe betrachtet, die âvon einem Volk mit einer eigenen Sprache und Kultur gebildetâ wird und mit der sich die Individuen âidentifizieren müssen, um sich zu verwirklichenâ.[32] Damit ist zugleich gesagt, dass Menschen, die in Deutschland leben, aber nicht zum deutschen Volk gehören und die eine andere Sprache und Kultur pflegen wie die Sinti, sich hier nicht verwirklichen können.

Friedrich Schleiermacher übernahm von Herder die Vorstellung, dass die Menschen von Gott in unterschiedliche Nationen aufgeteilt worden seien. âIn seinem Gefolge stößt man im deutschen Protestantismus des 19. Jahrhunderts auf einen ausgeprägten Nationalismus. (â¦) Gelegentlich begegnet selbst die Vorstellung vom deutschen Volk als Gottes auserwählter Nation.â[33] Aus dem protestantischen Nationalismus entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts die verschiedenen kirchlichen und antikirchlichen âDeutschreligiösen Bewegungenâ, die nicht unwesentlich zum Aufstieg der Nationalsozialisten beitrugen.[34]

Die katholische Kirche sollte eigentlich durch ihren Anspruch der Universalität - âkatholischâ bedeutet allumfassend - gegen den Nationalismus gefeit sein. Im 19. Jahrhundert setzten sich aber auch in der katholischen Kirche nicht nur in Deutschland nationalistische Tendenzen durch wie die sezessionistische Bewegung des âDeutschkatholizismusâ und die während des âKulturkampfsâ erhobene Forderung nach einem âdeutschen Kulturkatholizismusâ.[35]
In nationalen Volkskirchen war für die Sinti und erst recht für die seit etwa 1870 eingewanderten Roma kein Platz. Auch wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen und kirchlich getauft waren, so blieben sie doch in den Augen des Staats, der Kirchen und der Gesellschaft ein âfremdes Volkâ. Die âMenschenrechteâ, die auch die Rechte ethnischer Minderheiten einschließen, wurden 1832 von Papst Gregor XVI. verurteilt und von der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterzeichnet.[36]
Auf die eingangs gestellte Frage, warum die katholische und die evangelische Kirche zur Ausgrenzung, Deportation und Vernichtung der deutschen Sinti und Roma geschwiegen haben, würde ich aufgrund dieser Vorgeschichte antworten: Die beiden deutschen Kirchen fühlten sich für die Sinti und Roma nicht zuständig, weil sie sie als ein fremdes Volk ansahen und weil sie sie verdächtigten, Heiden oder Anhänger eines Geheimkults zu sein.

Diese Vermutung wird durch einen Blick in kirchliche und andere Lexika, in denen der Wissensstand der jeweiligen Zeit zusammengefasst ist, bestätigt. So liest man in âReligion in Geschichte und Gegenwartâ von 1931: âÄußerlich nehmen sie den Glauben des Wirtsvolks an, innerlich bleiben sie ihm fremd.â Und in Meyers Konversationslexikon von 1930: âEine eigene Religion haben sie nicht, sondern schließen sich mit Leichtigkeit äußerlich jedem Bekenntnis ihrer Umgebung an.â Und, was noch erstaunlicher ist, in den Ausgaben dieser beiden Lexika von 1962 bzw. 1979 werden diese Aussagen nahezu wörtlich wiederholt.


III. Teil: Die Zeit seit 1945


Spätes Schuldbekenntnis


Nach dem Krieg haben die beiden Kirchen mehr als dreißig Jahre lang den Völkermord an den Sinti und Roma nicht anerkannt und sich nicht zu ihrer Mitschuld bekannt. Im Schuldbekenntnis der katholischen Bischöfe vom 23. August 1945 und in der Stuttgarter Schulderklärung des Rats der Evangelischen Kirche vom 18./19. Oktober 1945 sind die Sinti und Roma mit keinem Wort erwähnt.[37]

Die evangelische Kirche erklärte ihre Schuld erst 1980 auf der gemeinsamen Kundgebung im ehemaligen KZ Bergen-Belsen und veröffentlichte ein Jahr später eine Denkschrift, die, obwohl sie ohne Beteiligung der Vertreter der Minderheit entstanden ist, überzeugende Ansätze enthält. Die katholische Kirche zögerte noch länger, sich zum Thema Völkermord zu äußern. âNoch am 8. Mai 1985 zelebrierten Kardinal Joseph Höffner und der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Lohse im Kölner Dom einen gemeinsamen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft, ohne die Sinti und Roma zu erwähnen. Am 13. März 1988 kam es dann zum ersten Gedenkgottesdienst zum NS-Völkermord an Sinti und Roma im Dom zu Speyer.â[38]

Papst Johannes Paul II. schrieb am 7. April 1993 den in Auschwitz versammelten Sinti und Roma: âich erinnere

 

in besonderer Weise an den tragischen Tod der Brüder und Schwestern unter den Zigeunern, die im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gefangen waren.â[39] In einer Botschaft zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz vom 27. Januar 2005 erinnerte er erneut daran, dass auch die Roma âin Hitlers Plan ebenso für die totale Vernichtung vorgesehenâ waren.[40]

Warum bekennt sich die katholische Kirche immer noch nicht zu ihrer Mitschuld an der Erfassung und Deportation der Sinti und Roma? Eine Antwort könnte sein, dass ihre Rolle noch nicht in vollem Umfang bekannt ist. Wer weiß schon, dass sie auch die Vernichtung der Roma in der Slowakei und in Kroatien, die während des Zweiten Weltkriegs mit Deutschland verbündete nationalsozialistische Staaten waren, zunächst gedeckt hat.[41] Eine andere mögliche Antwort wäre: Vielleicht glauben manche Kirchenvertreter noch immer, dass die Sinti und Roma keine Christen seien.[42] Dabei könnte die Kirche gerade unter Menschen, die unschuldig verfolgt werden, tief gläubige Christen finden, weil ihnen der Glaube an den Gekreuzigten hilft, ihr Los zu ertragen.

Die âkatholische Zigeuner- und Nomadenseelsorge


Der Anstoß zur âkatholischen Zigeunerseelsorgeâ in Deutschland kam nicht von den deutschen Bischöfen, sondern aus Rom. Papst Paul VI. institutionalisierte 1964 die so genannte âZigeuner- und Nomadenseelsorgeâ, wobei er sich an der Betreuung âfahrender Zigeunerâ in Italien und Frankreich orientierte, und empfahl schon ein Jahr später den nationalen Bischofskonferenzen, eine besondere Seelsorge für âZigeuner und Fahrendeâ aufzubauen.[43]

Obwohl viele deutsche Sinti und Roma gläubige katholische Christen sind oder waren , ist die katholische âZigeunerseelsorgeâ in Deutschland, wie die Kirche selbst eingesteht, weitgehend erfolglos geblieben. Dies hätte die katholische Kirche veranlassen müssen, ihr Seelsorge-Konzept zu überdenken. Ich hatte dem von der deutschen Bischofskonferenz ernannten âZigeunerbischofâ, dem Hildesheimer Bischof Trelle, drei Einwände mitgeteilt, auf die er aber nicht einging.

1. Der Name âZigeuner- und Nomadenseelsorgeâ
Diese Bezeichnung geht völlig daneben. Die deutschen Sinti und Roma sind keine Menschen, die âherumzigeunernâ oder ein âfreies Zigeunerlebenâ führen, und erst recht keine âNomadenâ, die mit ihren Viehherden über die Grenzen wandern, sondern deutsche Staatsbürger mit festen Wohnsitzen. Zum anderen ist der Name âZigeunerâ zumindest in Deutschland ein Schimpfwort. Wie will die katholische Kirche die katholischen Sinti erreichen, wenn sie unter einem Namen auftritt, den diese als Beleidigung empfinden? Als der damalige Münchner Erzbischof im April 1981 Romani Rose, empfing, versprach er, dass die katholische Kirche in Deutschland die Sinti und Roma nicht länger als âZigeunerâ bezeichnen werde. Der damalige Erzbischof ist der gegenwärtige Papst.

Die evangelische Kirche spricht von âZigeunermissionâ. Dass die Bezeichnung âZigeunerâ die Zielgruppe nicht anzieht, sondern abschreckt, habe ich schon erwähnt. Und âMissionâ statt âSeelsorgeâ ist gewiss keine Verbesserung.

2. Der Vorrang einer speziellen Seelsorge für âZigeunerâ
Dieser Vorrang wurde in den Ansprachen von Papst Johannes Paul II. an die âZigeunerâ von 1990 und 1991 und in den âOrientierungen für eine Pastoralâ von 2005 sowohl mit der âwandernden Lebensweiseâ als auch mit der âvölkischen Identitätâ oder âethnischen Eigenartâ der Minderheit begründet.

Die Sinti und Roma sind aber

 

- in Deutschland schon seit langer Zeit â nicht mehr Fahrende, sondern zu 90 Prozent Sesshafte, und ihre âIdentitätâ oder âEigenartâ erschöpft sich nicht in der Zugehörigkeit zu ihrer Ethnie. Meine Eigenart ist nicht, dass ich von Germanen abstamme, Im Übrigen bin ich wie die meisten von uns ein Mischling, denn ich habe eine italienische und eine ungarische Urgroßmutter. Der Begriff âethnische Eigenartâ stammt aus der Rassenforschung.

3. Das Versäumnis der bisherigen Seelsorge
Solange die Kirche unter âZigeunerseelsorgeâ ausschließlich oder vor allem die spezielle Betreuung von Sinti und Roma in Form von Taufen, Beerdigungen oder âZigeuner-Wallfahrtenâ versteht, versäumt sie ihre, wie ich meine, wichtigste Aufgabe, nämlich die Integration der deutschen Sinti und Roma in ihre Heimatgemeinden.

Als die Überlebenden nach dem Ende des Kriegs aus den Arbeits- und Vernichtungslagern zurückkehrten, wurden sie nicht in die Pfarrgemeinden ihrer Heimatorte integriert. Jedenfalls wird dies in den mehr als achtzig âZeitzeugenberichtenâ, die ich gelesen habe, nicht erwähnt.

Im Jahr 1984 initiierte der damalige âNationalseelsorgerâ Achim Muth eine Umfrage zur Integration, die immerhin in 12 der 22 deutschen Bistümer bei fast 6000 Pfarreien durchgeführt wurde. Nur 186 Pfarreien antworteten, dass sie Kontakte mit Zigeunerfamilien hätten, die sich aber nur auf Taufen, Erstkommunionen und Beerdigungen bezögen[44], was neben der Organisation von Wallfahrten Aufgaben der âspeziellen Seelsorgeâ sind. Demnach waren die katholischen Sinti und Roma zumindest bis 1984 aus dem Leben katholischer Gemeinden vollkommen ausgeschlossen.
Die Sozialarbeit der Kirchen mit Sinti und Roma muss ich ausklammern, da mir nur die umstrittenen Schriften von Silvia Sobeck bekannt sind. Sie ist meines Wissens noch kaum erforscht.[45]

âOrientierungen für eine Pastoral der Zigeunerâ


Dieses Dokument wurde vom Päpstlichen Rat nach jahrelangen Beratungen Ende 2005 veröffentlicht und sollte auf dem âVI. Weltkongress der Zigeuner-Seelsorgeâ

  in Freising  Anfang September 2008 überprüft werden. Ich hatte eine kritische Stellungnahme geschrieben und diese sowohl dem âPräsident des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migrantenâ als auch dem deutschen âZigeunerbischofâ mit der vergeblichen Bitte um eine Einladung zu diesem Kongress geschickt. Gernot Haupt, unser Klagenfurter Mitglied, schrieb mir: âEine der wenigen kritischen Stimmen auf dem Kongress war Nicolae Gheorghe, der auch den Begriff âZigeunerseelsorgeâ in Frage stellte. Diese Diskussion wurde aber (â¦) abgeschmettert.â Gheorghe ist der Vizepräsident der Internationalen Roma Union.

Der Päpstliche Rat hat also einen Kongress zur Überprüfung der Seelsorge-Richtlinien veranstaltet, diese Überprüfung aber nicht zugelassen.

Um Sie davon zu überzeugen, wie notwendig eine Überprüfung und Korrektur dieser Richtlinien gewesen wäre, will ich nur einen Punkt herausgreifen. Im 3. Kapitel fordert der päpstliche Rat vier âReinigungsgeboteâ, die die âZigeunerâ zu befolgen hätten, um am Leben der Kirche teilnehmen zu können:
1. Erziehung, berufliche Qualifikation, Eigeninitiative und persönliche Verantwortung als âBedingung für einen Aufstieg zu einer zumindest achtbaren Lebensqualitätâ,
2. Gleichberechtigung von Mann und Frau, Achtung vor der Würde der Frau,
3. Vergebung von Beleidigungen statt Erbfeindschaft zwischen Familien,
4. Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit im Bereich der Arbeit statt Tätigkeiten am Rande oder außerhalb der Legalität. (41, 42)

Wie kommt der päpstliche Rat darauf, diese Werte dem Volk der Roma in toto abzusprechen? Während im âRahmenübereinkommen zum Schutz der nationalen Minderheitenâ des Europa-Rates von den Regierungen der Mitgliedsstaaten gefordert wird, den Roma die gleichberechtigte Teilhabe an der gesellschaftlichen Entwicklung zu ermöglichen, fordert der päpstliche Rat von den Roma, die Bedingung für ihren Aufstieg zu schaffen, als ob sie dies allein aus eigener Kraft könnten,  aber gar nicht wollten. Wieso bestreitet der päpstliche Rat den Roma die âAchtung vor der Würde der Frauâ, und wieso schreibt er ihnen pauschal  Sippenfeindschaft und Unehrlichkeit oder Betrug zu? Ich vermute, weil diese rassistischen Urteile zu seiner Vorstellung von der âethnischen Verschiedenheitâ der âZigeunerâ gehören und weil er Einzelfälle, die von den Medien nur zu gern aufgegriffen werden, als Belege für sein Zigeunerbild betrachtet.

Inzwischen sind viele katholische Sinti zu anderen kirchlichen Bewegungen abgewandert und entweder nur noch Karteimitglieder oder aus der katholischen Kirche ausgetreten. Verwunderlich ist dies nicht, aber betrüblich.


 

Anmerkungen


[1] In diesem Beitrag habe ich die beiden Studien âZum religiösen und kirchlichen Antiziganismusâ (in: W. S., âKulturloses Volkâ? Berichte über âZigeunerâ und Selbstzeugnisse von Sinti und Roma. Seeheim: I-Verb.de 2006) zusammengefasst und durch die in dem Band âDie Stellung der Kirchen zu den deutschen Sinti und Romaâ. Marburg: I-Verb.de 2008 veröffentlichten Ergebnisse einer Marburger Tagung ergänzt.
[2] Hoffmann-Richter hat auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie Arnoldshain im Februar 2004 über âTheologische Aspekte des Antiziganismusâ referiert und mir sein Manuskript zur Verfügung gestellt.
[3] Wippermann hat in âWie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleichâ (Berlin 1997) und in Vorträgen wohl als erster den âreligiösen Antiziganismusâ benannt und mit Beispielen aus der frühen Neuzeit belegt.
[4] Udo Engbring-Romang: Die Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen zwischen 1870 und 1950. Frankfurt a. M. 2001, S. 263.
[5] Reimar Gilsenbach: Oh Django, sing deinen Zorn. Sinti und Roma unter den Deutschen. Berlin 1993, S. 296f.
[6] Wolfgang Wippermann teilte mir mit, er habe âdie Akten des Evangelischen Zentralarchivs und des Reichskirchenministeriums (jetzt im Bundesarchiv) durchgesehen und dabei nichts gefundenâ. Auf dem 75. Deutschen Archivtag im September 2005 in Stuttgart berichtete Peter Pfister vom Archiv des Erzbistums München und Freising, dass sich die katholische Kirche in Bayern zunächst verweigert und dort, âwo Kooperation unausweichlich war, bestimmte Angaben unterschlagen habe. Ob die katholischen bayerischen Kirchenarchive nur bei Juden bzw. nur bei katholischen Juden oder auch bei Sinti und Roma so gehandelt haben, konnte er nicht sagen.
[7] Kirchliches Amtsblatt des Erzbischöflichen Ordinariats Breslau, 14. 11. 1940. Nr. 322. Siehe Antonia Leugers: Die Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich in Publikationen katholischer Kirchenhistoriker. In: Die Stellung der Kirchen zu den deutschen Sinti und Roma (Anm. 1), S. 28.
[8] Vgl. Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische âLösung der Zigeunerfrageâ. Hamburg 1996, S. 144.
[9] Engbring-Romang (Anm. 4), S. 241.
[10] Michael Krausnick: âAuf Wiedersehen im Himmelâ. Die Sinti-Kinder von der St. Josephspflege. In: M. K.: Wo sind sie hingekommen? Der unterschlagene Völkermord an den Sinti und Roma. Gerlingen 1995. S. 95-124, hier S. 95f.
[11] Ebd., S. 105f
[12] Ebd., S. 117.
[13] Hirtenwort des deutschen Episkopats vom 19. August 1943, Anm. 40, S. 201 (Nr. 872/II) und Gemeinsamer Hirtenbrief der deutschen Bischöfe über die zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker. Bistumsarchiv Hildesheim, Gen. II, Nr. 70. Die Dokumentation der versuchten Protestaktion des Hildesheimer Bischofs Machens verdanke ich Hans-Dieter Schmid, Historisches Seminar der Universität Hannover.
[14] Die Kenntnis dieses Vorgangs verdanke ich den Archivstudien von Martin Ruch, Kultur Agentur Offenburg.
[15] Die Eingaben der beiden Bischöfe wurden erst 1995 und 1996 von der Kirchenhistorikerin Antonia Leugers publik gemacht, werden aber in Standardwerken über die Katholische Kirche im nationalsozialistischen Deutschland weiterhin übergangen.
[16] In den insgesamt 59 von Daniel Strauß und von Adam Strauß herausgegebenen Zeitzeugenberichten (... weggekommen. Berichte und Zeugnisse von Sinti, die die NS-Verfolgung überlebt haben. Heidelberg 2000 u. Zeitzeugenberichte. Hessische Sinti und Roma berichten über ihre Verfolgung während des Nationalsozialismus. Bearbeitet von Josef Behringer. Darmstadt 2005) wird immer wieder von Menschen erzählt, die den Sinti geholfen haben: von Ärzten, Bürgermeistern, Soldaten, Polizisten und Arbeiterinnen. Ein Pfarrer ist nicht dabei.
[17] Dirk Brieskorn: âVous, dans lâeglise, nâ etes pas aux marges, mais, sous certains aspects, vous ïetes au centre, vous etes au coeurâ. Zur Geschichte der âKatholischen Zigeunerseelsorgeâ in Deutschland. In: Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau 1943-44. Hrsg. v. Waclaw Diugoborski. Auschwitz 1998, S. 396-412, hier S. 404.
[18] Mitteilung von Toon Machels, der aus der Arbeit von van den Abeel (Staf, Woonwagenwerk in Vlaanderen, KULeuven, 1995) zitiert.
[19] Mitteilung von Stefan Reuter. Vgl. a. Guenter Lewy: âRückkehr nicht erwünschtâ. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich. Deutsche Ausgabe: München, Berlin 2001, S. 67.
[20] Reimer Gronemeyer: Zigeuner im Spiegel früher Chroniken und Abhandlungen. Quellen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. Gießen 1987, S. 15 u. 20.
[21] Hoffmann-Richter (Anm. 2).
[22] So in den von Reimer Gronemeyer (Anm. 20) publizierten Chroniken von Krantz, Muenster und Guler.
[23] Caspar Peucer, 1593. Ebd., S. 77.
[24] Für die Zeit nach dem Konzil von Trient folge ich der Darstellung von Bruno Nicolini: Die katholische Kirche und die Zigeuner. In: Sinti und Roma gestern und heute. Hrsg. v. Mirella Karpati. Rom 1994, S. 118-138, hier: S. 124-129.
[25] Zitiert bei Gronemeyer (Anm. 20), S. 76f. u. 79.
[26] Diese These von Polydor wurde von Besold (1629) und Wagenseil (1697) zwar für âabsurdâ erklärt, aber dennoch weitergegeben. Vgl. Gronemeyer (Anm. 20), S. 103 und Johann Christoph Wagenseil: De sacri Rom. Imperii Libera Civitate Noribergensi Commentatio. Accedit, De Germaniae Phonascorum. Altdorfi 1697, S. 437.
[27] In dem Beitrag âAntiziganistische Zigeunermärchenâ (In: Beiträge zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Volkserzählung. Berichte und Referate des zwölften und dreizehnten Symposions zur Volkserzählung. Brunnenburg/Südtirol 1998-1999. Hrsg. v. Leander Petzold  u. Oliver Haid. München u.a. 2005, S. 409-434) habe ich fünf Varianten dieses Märchens vorgestellt.
[28] Vgl. Ines Köhler-Zülch: Die Heilige Familie in Ägypten, die verweigerte Herberge und andere Geschichten von âZigeunernâ - Selbstäußerung oder Außenbilder? In: Die Sinti/Roma-Erzählkunst im Kontext Europäischer Märchenkultur. Hrsg. v. Daniel Strauß. Heidelberg 1992, S. 35-84 und: Die Geschichte der Kreuznägel: Version und Gegenversion? Überlegungen zu Roma-Varianten. In: Telling Reality. Folklore Studies in Memory of Bengt Holbek. Ed. Michael Chesnutt. Kopenhagen/Turku 1993.
[29] Zitiert bei Rüdiger Vossen: Zigeuner, Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung. Frankfurt a. M. 1983, S. 54.
[30] Vgl. Barbara Danckwortt: Friedrich II. von Preußen und die Sinti von Friedrichslohra. In: âDiebstahl im Blickâ? Zur Kriminalisierung der âZigeuner. Hrsg. v. Udo Engbring-Romang u. Wilhelm Solms. Beiträge zur Antiziganismusforschung, Bd. 3. Seeheim 2005, S. 116-140. In der Literatur des Realismus, so bei Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach und in der damals beginnenden Kinderliteratur, z. B. bei Ottilie Wildermuth, ist die Missionierung des Zigeunerkinds ein zentrales Thema.
[31] Zimmermann (Anm. 8), S. 61f.
[32] Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 24, 1994, S. 22.
[33] TRE, Bd. 24, S. 27.
[34] Im Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 3, 1995, Sp. 168-170 werden unter diesem Begriff die âDeutschgläubige Bewegungâ, die âDeutschkirchliche Bewegungâ und die âDeutschen Christenâ beschrieben.
[35] âNationalismusâ. Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Aufl. 1999, Bd. 6, Sp. 72.
[36] Hoffmann-Richter (Anm. 2).
[37] Ebd
[38] Ebd.
[39] Zitiert bei Nicolini (Anm. 24), S. 135.
[40] Dieser Brief wurde mir von Stefan Reuter mitgeteilt.
[41] Dieser Vorwurf wird auch gegen den damaligen Militärvikar der Ustascha Alojzije Stepinac erhoben, der jedoch später gegen die Rassenpolitik des âUnabhängigen Staats Kroatienâ protestierte, 1953 zum Kardinal von Zagreb erhoben  und vor kurzem selig gesprochen wurde.
[42] Diese Einstellung ist gerade auch in wohlmeinenden Beiträgen zu spüren. So spricht Ottmar Fuchs in einem Beitrag über âDas Leben der Zigeunerâ von den âAndersgläubigen und Fremdenâ oder von dem âFremden (...), der nicht zur eigenen Religion gehörtâ. Ottmar Fuchs: âGeht zu allen Völkernâ! Das Leben der Zigeuner - eine Herausforderung für die Kirchen. In: Pfarrei in der Postmoderne? Gemeindebildung in nachchristlicher Zeit. Hrsg. v. Alois Schifferle. Freiburg i. Br. 1997, S. 379-396, hier: S. 390, 386 u. 389.
[43] Vgl. Nicolini (Anm. 24), S. 133 u. Brieskorn (Anm. 17), S. 404.
[44] Vgl. Brieskorn, S. 407f.
[45] Die Diplomarbeit von Helmut Zilliken: Soziale Arbeit mit jugendlichen Zigeunern. Hamburg: Diplomica Verlag 1990, habe ich mir wegen des hohen Preises nicht angeschafft.

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