2015: "Fortschritte in Fukushima"

Fukushima - 4 Jahre danach: 11.03.2015
Frankfurter Rundschau, 20.02.2015


„Fortschritte in Fukushima“
Von JOACHIM WILLE

Die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) lobt die Reinigungsarbeiten an den Atomruinen in Fukushima. Die Strahlung in den Reaktoren ist allerdings nach wie vor extrem hoch.

Die Beseitigung der strahlenden Fukushima-Atomruinen wird voraussichtlich noch bis zur Mitte des Jahrhunderts dauern. Es ist das größte und teuerste industrielle Sanierungsprojekt weltweit. Inzwischen gibt es bei den Vorbereitungen für die eigentlichen Abwrackarbeiten aber „erhebliche Fortschritte“. So zumindest beurteilten jetzt Experten der Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) aus Wien die Lage nach einer Inspektion vor Ort. Sie verwiesen unter anderem auf die gesunkenen Strahlenwerte auf dem Gelände.

Die Arbeiten am havarierten AKW mit seinen insgesamt sechs Reaktoren laufen jetzt seit knapp vier Jahren. Der Super-GAU, bei dem es in drei Blöcken zur Kernschmelze kam, fand nach einem schweren Erdbeben und Tsunami am 11. März 2011 statt. In vielen Bereichen habe die radioaktive Verseuchung durch die fortlaufenden Säuberungsarbeiten „um mehrere Größenordnungen“ abgenommen, berichtete der Chef der Inspektoren, der Spanier Juan Carlos Lentijo. Inzwischen arbeiten rund 7000 Menschen auf der Anlage. Ihre Zahl wurde im vorigen Jahr deutlich aufgestockt.

Positiv bewertet die IAEA auch, dass den Ingenieuren und Arbeitern die komplette Bergung der mehr als 1300 abgebrannten Brennstäbe aus einem Abklingbecken im Gebäude von Reaktorblock vier gelungen ist. Dies sei ein „Meilenstein“. Das Becken befindet sich oberhalb des eigentlichen Reaktors und musste per Kran entladen werden. Experten hatten befürchtet, das bereits beschädigte Gebäude könne bei einem künftigen Erdbeben einstürzen. Allerdings hatte es auch die Sorge gegeben, die Bergung könne neue Verseuchungen auslösen. Die Brennstäbe enthalten insgesamt mehrere Hundert Tonnen Uran, Plutonium und andere Spaltprodukte.

Unklarheit um Brennstäbe
Die Wiener Experten anerkannten auch die Bemühungen des Fukushima-Eigners Tepco, die Probleme mit den Unmengen radioaktiv belasteten Wassers in den Griff zu bekommen, das aus den Kellern der geschmolzenen Reaktoren stammt. Es wird in Tanks gelagert, deren Zahl erhöht werden muss, weil täglich weitere 300 bis 400 Tonnen anfallen. Inzwischen läuft die Dekontaminierung dieses Wassers planmäßig. Ein im vorigen Herbst installiertes neues Filtersystem behandelt pro Tag rund 2000 Kubikmeter, es entfernt einen Großteil der radioaktiven Isotope aus dem Wasser, nicht aber Tritium.

Die Wiener Behörde riet Tepco jetzt erneut dazu, das gefilterte Wasser aus den Tanks ins Meer abzuleiten. „Natürlich müsste dies von allen beteiligten Parteien und der Öffentlichkeit akzeptiert werden“, sagte Teamchef Lentijo. Die Verklappung des Wassers ist von Japans Atomaufsicht im Januar bereits grundsätzlich genehmigt worden. Sie trifft bei Umweltschützern, den örtlichen Fischern und benachbarten Ländern jedoch auf Widerstand – vor allem wegen des Tritiums.

Tepco will das Wasser deswegen vorerst in den Tanks lassen. Der Konzern hofft auf neue technische Möglichkeiten zur Tritiumentfernung. Die Atomkraft-freundliche IAEA hält ein Verklappen für unproblematisch. Atomanlagen in aller Welt würden so vorgehen; die Auswirkungen auf die Umwelt seien geringfügig.

In dem vorläufigen Bericht, den die Experten der Regierung in Tokio übergaben, wird – wenn auch diplomatisch verbrämt – auf Schwachstellen des bisherigen Sanierungskonzepts verwiesen. „Die Situation bleibt sehr komplex und die Beseitigung des Brennstoffs stellt eine riesige langfristige Herausforderung dar“, kommentierte Lentijo. Tatsächlich ist bisher völlig unklar, wie die Brennstäbe aus den Reaktoren eins bis drei geholt werden sollen. Sie sind vermutlich zu Hunderten geschmolzen und haben sich mit dem Stahl und Beton der Reaktor-Schutzhülle zu einer hoch radioaktiven Masse verbunden.

Die Strahlung ist extrem hoch, Menschen können dort auch mit Schutzanzügen nicht arbeiten. Mit der Entfernung des Brennstoffs hatte Tepco ursprünglich 2020 beginnen wollen. Der Termin dafür wurde inzwischen auf 2025 verschoben.

Die IAEA forderte in diesem Zusammenhang, Tepco müsse einen integrierten Plan für den Abbau der Reaktoren und das Abfallmanagement entwickeln. Damit spielte die Behörde auf das Entsorgungsproblem an: Japan verfügt bisher weder über ein Zwischen- noch ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle, in dem der Fukushima-Müll untergebracht werden könnte.













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