Meditation

Im Nordwesten Kyotos, eingebettet zwischen den Hügeln, gibt es einige kleine Zen-Tempel zu entdecken. Einer davon, der Genko-an, hat es mir besonders angetan. Es ist ruhig hier, nicht von Touristen überlaufen, ein Zen-Garten lädt zum Meditieren ein. In der Haupthalle des Tempels sind seit 1694 zwei besondere Fenster zu sehen. Sie geben den Blick ins Grüne frei. Faszinierend ist vor allem die unterschiedliche Form. Vom Eingang her fällt als erstes das rechte, viereckige Fenster ins Auge, eingefasst von mit Papier bespannten Schiebefenstern mit dünnen Holzstreben in regelmäßigem Muster; links davon, näher zum buddhistischen Altar, das runde in eine ruhige weiße Wand eingelassen, von schlichten dunklen Balken umgeben. In der englischen Beschreibung wird das quadratische Fenster „Mayoi no mado“ 迷いの窓 als „Fenster der Täuschung […], das Verwirrung, Unwissenheit und Unreife impliziert, oder […] das Leben menschlichen Leidens“ erläutert; das runde „Satori no mado“ 悟りの窓 als „Fenster der Erkenntnis […], das Zen-Reife, Vollkommenheit und Erleuchtung impliziert“.
Mir kommen ähnliche Formen bzw. Symbole aus Kirchen in den Sinn, z.B. bei Taufsteinen. Oft ist deren Sockel quadratisch, während das Taufbecken oder die Taufschale rund ist (oder achteckig, entstanden aus Quadrat und Kreis; die Zahl 8 symbolisch für den Neuanfang nach 6 Tagen der Schöpfung und dem Ruhetag). Der Täufling wird mit seiner menschlichen, begrenzten Existenz (Viereck) vor Gott gebracht, der ihm mit seiner endlosen Liebe und Barmherzigkeit (Kreis) entgegenkommt und ihn annimmt. Im Leben finde ich mich oft auf der Seite des eckigen Fensters wieder mit Ecken und Kanten und vielerlei Begrenztheiten. Doch Gott umfängt mich mit seiner grenzenlosen Liebe. Er nimmt mich an, so wie ich bin. Er macht mich neu.
Carola Hoffmann-Richter





















