2014:AK Predigt Pfr. Hoffmann-Richter

Der Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen in Baden-Württemberg

Einführung von Pfr. Dr. A. Hoffmann-Richter

als Beauftragter für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma


Der Wochenspruch für diese Woche lautet:   (Sacharja 9,9b)

9b Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer,
arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.


Liebe Gäste, liebe Gemeinde,

Advent meint: Wir Warten auf Gottes Kommen. Er ist gemeint mit dem König, der zu uns kommt.

Der Prophet sagt: Ihr dürft tatsächlich damit rechnen, dass Gott euch aufsucht.
Ihr dürft tatsächlich mit Veränderungen rechnen, die mit seinem Kommen dann verbunden sind.

Ceija Stoika, eine Überlebende mehrerer Konzentrationslager, erinnert sich:

„Der Glaube an Gott war eine große Stärke, der Glaube, dass die Ungerechtigkeit einmal versagen und die Gerechtigkeit siegen wird. Das haben wir immer gehofft.“

Warten und Hoffen, das ist noch heute die Haltung vieler Sinti und Roma in Baden-Württemberg.

Nach dem zweiten Weltkrieg kehrten meist nur die Jungen und Kräftigeren zurück, die in der Nazizeit vom Schulverbot betroffen waren. Anders als andere Rückkehrer und Flüchtlinge bekamen sie oft erst einmal keinen Wohnraum. Zehn Jahre nach dem Krieg, als die meisten anderen irgendwo untergekommen waren, wurden sie schließlich an die Ränder der Städte geschickt. Möglichst weit draußen wies man ihnen bei Müllhalden oder Kiesgruben ausgediente Bauwagen, Container oder Baracken zu gemäß dem Vorurteil, sie hätten ohnehin keinen festen Wohnsitz.

Und so war es auch noch in der zweiten Hälfte der 50er Jahre noch zu weit für die Kinder zu einem Kindergarten. Die Lehrer waren froh, wenn die Bildungsfern Gehaltenen ihre Kinder nicht einschulten. Wenn sie doch kamen, wurden sie bis in die 70er Jahre verbreitet in Sonderschulen eingewiesen, gleich wie begabt die Kinder waren. Wenn sie untereinander spielten sprachen sie ja doch Romanes.

Wo die Ausbildung und die auf Grund der Wohnverhältnisse auch die Gesundheit fehlten (Sinti leben bis heute im Durchschnitt 10 Jahre kürzer als der Durchschnitt), kam als nächstes die Abweisung am Arbeitsplatz. Solche Leute brauchte man nicht, die von da draußen von den Baracken kamen. Noch 1958 entschied der Bundesgerichtshof, Sinti und Roma hätten keinen Anspruch auf Wiedergutmachung. Die Ermordung von 500 000 Menschen galt noch immer nicht als Völkermord. So weit sie sich nicht selbständig machten, hieß es, das seien Menschen, die sich Sozialhilfe „erschleichen“. Man brauchte bis in die 80er Jahre nur in den gängigen Lexika nachzulesen, um die Vorurteile gegen Sinti aufzufrischen und die Polizei setzte im selben Zeitraum die Sondererfassung von Sinti und Roma fort, wie sie in der Nazizeit üblich war.

Ich spreche von deutschen Sinti, deren Vorfahren seit 600 Jahren in Deutschland leben. Vor allem seit Ende der 70er Jahre gab es eine mühevolle Arbeit der Verbände der Deutschen Sinti und Roma für die Anerkennung ihrer Rechte. Es war ein steiniger Weg bis zum Staatsvertrag 2013 mit dem Land Baden-Württemberg.

Derzeit ist die Situation noch immer so, dass nach der jüngsten Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die im September 2014 veröffentlicht wurde, in diesem Jahr 14 Prozent der Befragten nach wie vor vorschlagen, Sinti und Roma gesondert unterzubringen.

22 Prozent sind für die Ausweisung aus Deutschland,

34 Prozent sind für mehr Polizeieinsätze gegen sie und -

80 (!) Prozent plädieren gegen vermeintlichen „Leistungsmissbrauch“ .

Diese Vorschläge kommen von Mitbürgern, von Sozialarbeitern, von Beamten und von Kirchenmitgliedern, die weder eine Ahnung von der tatsächlichen Situation von Sinti und Roma haben noch einen Kontakt wünschen.

Willkommen sind dagegen Pressedarstellungen von solchen Einzelfällen, die die Vorurteile mit „Belegen“ unterfüttern.

Wir haben heute zu Beginn gesungen: „O Heiland reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“ Dieser Wunsch, dieses Gebet kommt da von Herzen.

Auf unsere gesungene Bitte: „Reiß ab, wo Schloss und Riegel für“.

Hören wir jetzt das prophetische Versprechen:

„Dein König kommt zu Dir als ein Gerechter und ein Helfer.“

Das Reich Gottes ist jetzt schon anfänglich unter uns. Gott kommt mit seinem guten Geist. Paulus versteht die Kirche, so bruchstückhaft dies auch erst sichtbar wird, als den irdischen Leib dieses Königs, des Christus Gottes. Die Kirche hat von ihrem Herrn, wo irgend sie der Leib dieses Königs zu werden beginnt, seine Hoffnung weiterzugeben und ihr gemäß zu leben, also mit Gerechtigkeit und Hilfe zu kommen. Zu tun, was Gott in Jesus will.

Bis heute hoffen und warten Sinti und Roma in Baden-Württemberg, dass die die Entstehungsgeschichte der Vorurteile überall unterrichtet wird, damit die Menschen aufhören, ihre Vorurteile und Klischees weiterzugeben.

Damit die Lehrer nicht mehr wegsehen und weghören, wenn ein Kind der Sinti gemobbt wird, damit die Wohnungsämter nicht nach jahrelanger Abweisung schließlich nur die schlechtesten Wohnungen anbieten, damit die Berater beim Jobcenter nicht nur das anbieten, was sonst keiner will, damit die Arbeitgeber endlich auch einen Sinto oder eine Romni einzustellen, damit die Nachbarn aufhören zu munkeln und sich über ihren Verdacht auszutauschen.

Hoffen und warten wir doch jetzt mit Sinti und Roma gemeinsam, dass Gerechtigkeit kommt, dass sie wie andere Mitbürgerinnen und Menschen geachtet und behandelt werden. Und hoffen und warten wir hierbei doch aktiv.

Es ist möglich und es gibt das, dass Menschen einen eigenen Beitrag zum Abbau der Vorurteile, dass sie einen Beitrag zur Verbesserung der Bildung leisten, es gibt sogar Arbeitgeber, die Sinti einstellen und Ärzte, die sie gut beraten.

Wir warten und hoffen auf die Umsetzung dieses Auftrags der Kirche. Unsere Hoffnung liegt vor allem darin, dass Gott doch selbst in diese Arbeit hineinkommen möge als ein Gerechter und ein Helfer, auch da wo nichts zu helfen scheint.

Amen.










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