Elsbeth Strohm: Biographische Jahreszahlen

Elsbeth Strohm - Mein Leben in Jahreszahlen

2. Februar 1922
geboren „beim Mittagsläuten" in Fleinheim, Kreis Heidenheim/Brenz (Württemberg)

Januar 1927
(bereits Älteste von 5 Geschwistern) 1. Umzug nach Isernhagen bei Hannover. Dort übernahmen meine Eltern ein Übergangsheim für straf-entlassene Männer, im Auftrag eines Herrn „Präsident des preußischen Strafvollzugs Johannes Menton", der einen Verein „Schwarzes Kreuz, ev. Gefangenenhilfe! Mit Sitz in Celle gegründet hatte (Ein gleiches Heim für Frauen gab es in Westercelle (bei Celle).
Dieses Heim leiteten meine Eltern 7 Jahre.

1933
Kam mein 2. Umzug – ein paar Dörfer weiter, von Hannover weg, Wennebostel. Hier beendete ich die einklassige Dorf-Volksschule und besuchte den Konfirmandenunterricht.

geschwister1 2001936
3. Umzug nach Meitze – noch weiter in die Einöde.
Von hier an war ich „Zuhause"! Was immer das auch heißen mag: Kochen, Waschen, Putzen, Gartenarbeit. Älteste von 10 Geschwistern und ständig Besucher im Hause, die irgendwie im Leben nicht gut zurecht gekommen sind. (Vater brachte sie immer mit von seinen Reisen.)
Als unsere Eltern die >Arbeit idem Heim aufgeben mussten, war Vater zuerst arbeitslos, ging „stempeln". Dann wurde er wieder vom „Schwarzen Kreuz" angestellt, als „Reiseprediger" – „Volksmissionar".

1040
Kam der 4. Umzug, jetzt nach Breslau, wo Vater Prediger einer Baptistengemeinde wurde.

21. Januar 1945
! Flucht aus Breslau – auf die Straße – im Treck – Richtung Westen.

3. Februar 1945
Ankunft in Altbach bei Esslingen (Stuttgarter Raum). Hier lebte Mutters Vater noch und ihre Schwester – eine Haller Diakonisse - versorgte ihn (im Nachbarort hatte sie eine Pflegestation im Ort).
Der Haushalt war nun zusammengeschrumpft bis auf die beiden Jüngsten, ich wurde nicht mehr gebraucht. Ich wurde „abgegeben", an eine Familie im Ort: 6 Kinder, kranke Frau, Garten, Hasen, Hühner ... alles schon gehabt. 2 Jahre – länger glaubte ich es nicht auszuhalten.

Frühjahr 1947
Wieder nach Hause! Wo sollte ich sonst hin?! Mir selber etwas suchen mit 25 Jahren! – ist mir nicht in den Sinn gekommen. Wohin hätte ich auch gehen können? Was hätte ich denn tun sollen? Außer Hausarbeit kannte und konnte ich nichts. Den Sommer 1947 habe ich in Ruit (heute Filderstadt) verbracht. Da war ein etwas älterer Herr. Wo wir uns kennen gelernt hatten, weiß ich nicht mehr. Der hat mir gesagt: „Elsbeth, du kannst bei mir Griechisch lernen." Ich dachte, der will mich mal... . Aber er hatte es ernst gemeint! Ich habe Griechisch gelernt. Kein Problem! Das Alphabet – die paar Buchstaben, das Neue Testament lesen, kein Problem, die Texte kannte man ja.
Aber mir ist das sehr zustatten gekommen als ich sehr viel später C. G. Jung gelesen habe, der hat viele griechische Vokabeln in seinen Texten, ich konnte es lesen – und meistens auch verstehen.

Herbst 1947
NACH Liebenzell in die Missionsbibelschule. (Da hoffte ich vergebens mein Griechisch anbringen zu können. „Aber nein, das ist doch nur etwas für die Brüder!"
Ich kam in die Waschküche. Dauerauftrag! Ganztags!

Herbst 1949
Frage, ob ich bereit sei, für ein Jahr zur Aushilfe in die damals noch sog. Mitternachtsmission zu gehen. Da ist eine alte Liebenzeller Schwester, die schafft die ganze Arbeit nicht mehr alleine, und fragt nach einer „jungen Schwester" für den Haushalt! (Ach ja!) „Das 3. Jahr Bibelschule kannst du dann nachholen, wenn das eine Jahr vorbei ist."
Auf die Frage nach der Bereitschaft sagt ein frommer Christenmensch „Ja!"

November 1949 – September 1950
Frankfurt am Main, Mitternachtsmission (MM).

September 1950
Telegramm von meiner Mutter: „Vater liegt im Sterben, komm bitte heim!" Koffer packen – heim.

6. Oktober 1950
Bin ich nach Bad Liebenzell auf „den Berg" um meine Entlassungspapiere – bereits eingetütet in den „blauen Umschlag" - in Empfang zu nehmen.
Die Bibelschule Liebenzell existierte nicht mehr. Ich war entlassen.
Der ehemalige Missionsdirektor war noch auf dem Berg. Er half mir in die nächste Bibelschule, „damit du wenigstens einen Abschluss hast!" Ich war's zufrieden. Bloß: Die nächste Bibelschule kostete Geld, und ich hatte keines. Also:

Februar 1951 – Frühsommer 1952
MM in München.

Sommer bis Dezember 1952
Bibelschule „Malche-West" in Hannover. Examen Dezember 1952

Januar – Sommer 1953
Bremen, Am Dobben 123, Missionshaus der Norddeutschen Mission. Vormittags im Haushalt, nachmittags Volkshochschule: Englisch und Japanisch.

26. September 1953
An Bord der Atlas Maru, ein jap. Frachtschiff im Bremer Hafen, mit 5 Diakonissen an Bord, die einzigen Passagiere bis wir am

15. November 1953
In Yokohama gelandet sind.

November 1953 – Ende 1956/Anfang 1957
In Tokyo mit Frl. von Reiswitz und Dorle Mundinger zusammen. Wir wollen „Mitternachts-Missions-Arbeit tun, wie wir sie in Deutschland haben", so lautete unser gemeinsamer genauer Auftrag.
„Bloß: die Verhältnisse sind nicht so" wie in Deutschland! OB das unsere Missionsgesellschaften, Bibelschulen, Missionsdirektoren nicht gewusst haben?

elsbeth1 2001953 – 1956
3 Jahre Tokyo waren für mich eine einzige Katastrophe: Ich habe versucht, nach Hause zu schreiben, wie die Dinge hier aussehen. Die Antworten von zu Hause lauteten: Kümmere dich nicht um die äußeren Umstände, du hast deinen Auftrag – Berufung!, den/die führe aus!" Ich war verzweifelt-

1957
Nach Seirei Hoyoen zu den Diakonissen. Da sah es zuerst so aus, als ob ich mitarbeiten könne. Aber 2 junge Frauen von der Straße, die ich betreuen wollte, denen hat man keine Arbeit geben wollen: Die waren zu liederlich, und passten nicht in die fromme Gesellschaft dort.

1959 Spätsommer
1.Heimaturlaub.

Wintersemester 1959/60
Missionsakademie Hamburg. Das war eine gute Zeit für mich! Keine Hausarbeit! Nur lernen! Und keiner hat gesagt: „Du bist so ganz anders als alle anderen."!
Nur Bischof Meier aus Lübeck und Dr. Pörksen aus Hamburg haben manchmal gesagt: „Was haben Sie für einen imaginären Missionsdirektor!" Sie kannten meinen Missionsdirektor, aber sie haben mir nicht geglaubt.
Noch als ich auf der Missionsakademie war, erreichte mich ein Brief vom Herrn Missionsdirektor, der jetzt in Japan war! „Wenn du ein 2. Mal nach Japan gehst, wirst du dir irgendwo anders einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen. Die Arbeit hier im Seirei Hoyoen hab ich aufgelöst!"
Da stand für mich fest: Ein 2. Mal gehe ich nicht nach Japan.

Etwas anderes war in diesem 1. Heimaturlaub noch geschehen: Ich hatte alle Missionsgesellschaften und Diakonischen Werke, die damals zum „Japan-Komitee" gehörten, einzeln besucht, habe ihnen von unseren Nöten und Schwierigkeiten erzählt, und sie alle haben mir zugehört und mit mir gesprochen, als ob sie mich verstanden hätten. Aber dann, als ich einmal zu einer Sitzung des Japan-Komitees eingeladen wurde, hat keiner mehr etwas gewusst von dem, was ich ihn erzählt hatte. „Japan ruft" klingt besser, und sie haben alle nur mit den Köpfen genickt zu dem, was die beiden Missionsdirektoren ihnen gesagt haben.

Frühjahr 1960
Von der Missionsakademie nach Dortmund in die MM.
Dortmund, weil dort eine sehr große Station war, mit mehreren verschiedenen Abteilungen, mit viel Angestellten, da hoffte ich untertauchen zu können. Die leitende Schwester, Anna Krauß, noch eine altere Malche-Schwester (meine Bibelschule), zwar vom Osten aber sie mochte mich, ich mochte sie.

1960!
Das war die Zeit, da die „Vor-68"! anfingen, die Institutionen zu durchwandern, wie mir mal einer gesagt hat. Es war die Zeit, da der Staat anfing, ausgebildete „Fachkräfte" in die kirchlichen-diakonischen Werke zu schicken. Die sollten uns, die wir nur! Mit christlicher Nächstenliebe gearbeitet haben, zeigen, „was eine Harke ist"! Die haben Gehälter bezogen, einen 8-Stunden-Tag gearbeitet und Urlaub gehabt.
Das war ein fürchterlicher Einbruch in unsere Diakonische Arbeit.
Und ich denke heute manchmal, das ist damals der Anfang gewesen von dem, was wir heute hier im Altenheim haben. Es heißt zwar noch „Diakonie", aber die Kirche ist mehr Herr in ihren eigenen Heimen! (Und merkt es nicht. Oder denkt sich nichts dabei?)

Sommer 1960
Mein Missionsdirektor kommt mit einem Brief von einer Luth. Kirche aus Japan. Da fordert eine staatliche Institution (Haus für Frauen und Mädchen) eine ausländische Missionarin an zur Mitarbeit.
Ich glaube ihm kein Wort!
Wir streiten miteinander.
Er: „Gehst du – oder gehst du nicht?"
Da hab ich gedacht: Wenn ich nicht gehe, holt er sich an meiner statt 2 andere jüngere, er hat genug „Fans", und dann geht das ganze Elend wieder von vorne los. Ich weiß, was ich habe und – was ich nicht habe. Ich kann schon etwas Japanisch, habe erste Erfahrungen in Japan. Es ist besser, ich gehe noch mal.

6. Dezember 1960
6 Uhr am Morgen. Kofu (Yamanashi-Ken). Ich hatte dem Missionar hier mitgeteilt, dass ich heute und hier ankommen werde, und er hatte mir zugesagt, mich abzuholen. Aber es war niemand da! „Eine Kirche ruft dich!"
Ich habe den Missionar angerufen. Er hatte es vergessen, lag auch mit Grippe im Bett, aber er wolle die Missionarin schicken ...
Bei dem Missionar hätte ich eigentlich wohnen sollen. Ich bin gar nicht erst eingezogen. Ich habe mir eine Wohnung gesucht und habe allein gewohnt!
Das war ein 1. Schritt. – In welche Richtung? Im Sommer habe ich mir einen Ventilator und einen Kühlschrank gekauft. Das waren eigentlich „amerikanische Luxusgüter", die wir uns nicht anschaffen sollten. ...
Auf dem Weg zur Selbständigkeit hat mir dann die amerikanische High Church weiter geholfen.

Januar 1962
Kofu. 10 Tage Freizeit „Sensitivitäts-Training". Am Ende der Tag lag mein ganzes 40jähriger Leben wie ein großer Scherbenhaufen vor mir. Ich dachte: Ich werde wahnsinnig – aber wirklich!
Nach einem halben Jahr im Sommer 1962 kam die nächste Einladung zum 10-tägigen Sensitivität-Training. Ich habe gedacht, die haben mich kaputt gemacht, die sollen mich auch wieder heil machen.
Dieses Mal hatten wir einen „Counsellor" dabei, einen ausgebildeten Gesprächs-Therapeuten. Mit dem konnte man reden, jeden Tag 45 Minuten, Und waren die 45 Minuten um, hat „Es" in mir weitergeredet ...

Herbst 1962
Kofu. Es stand fest in mir, ich bleibe in Japan, trenne mich aber von meinem Missionsdirektor.
Es mag noch im Herbst 1962 gewesen sein, es könnte aber auch schon im Frühjahr 1963 gewesen sein, dass ich nach Tokyo ins Kirchenbüro bin. Dr. Kishi war damals Präsident der JELC und Herr Tsuboike sein Sekretär. Denen habe ich gesagt, dass ich mit der JELC zusammen arbeiten möchte, dass ich mich von meinem Missionsdirektor trennen möchte, und ob sie mir helfen können, von irgendeiner Landeskirche in West-Deutschland übernommen zu werden.
Mit Handkuss.

Was diese Missionsdirektoren, die außerhalb der Kirche arbeiten wollten - und noch dazu die MM!! –der Kirche in Japan für Kopf- und wahrscheinlich auch „Bauchweh" verursacht haben, habe ich da zum 1. Mal richtig verstanden.

1963
Für dieses Jahr hat mir das JELC-Büro in Tokyo verschiedene Reisepläne gemacht: Kyushu, Shimonoseki, Hiroshima, Osaka, dass ich die JELC-Gemeinden kennen lerne, und sie mich!
Auf diesem Weg kam ich nach Osaka. Der Pfr. Der Osaka Luth. Kirche führte mich mit einem anderen Pfarrer (vom Kyodan) nach „Kamagasaki", das „dreckigste Viertel von Osaka", wie er morgens beim Frühstück noch sagte. Wir standen in dem Männer-Viertel, er – ich – der andere Pfarrer und 2 Sozialarbeiter, Erinnerungen an die Männer in Isernhagen kamen mir vor die Augen. Obwohl: das waren damals 10 oder 12 Männer – in einem Haus! Hier waren es Männer mit mindestens drei Nullen hinter der 10 oder der 12 – und auf der Straße!
Egal, habe ich gedacht: „Komme ich um, so komme ich um, hatte Esther gesagt ..." in Löhes Diakonie-Spruch. Und mir wäre es recht gewesen, wenn ich umgekommen wäre, denn ich sah mich, mein Leben verfehlt. Dann wollte ich lieber in Japan auf dem Missionsfeld umkommen, als in Deutschland in einer Nervenheilanstalt.

Nach jeder Reise habe ich in Tokyo einem Pfarrer Bericht erstattet, so auch nach Osaka. Als er den Namen des Viertels hörte, in das mich sein Kollege geführt hatte, hat er ein bisschen die Stirn gerunzelt und gefragt, ob das nicht gruselig war? Ich sagte: „Nein, ganz im Gegenteil, da will ich anfangen zu arbeiten!" Er saß wie versteinert da. Ich sagte: „Ja, wirklich!" Dann sagte er: „dann reichen sie es schriftlich ein an die Kirchenleitung." Das habe ich noch im Herbst 1963 getan.
Antwort habe ich nie bekommen.

elsbeth2 2001.Januar 1964
Ich musste meine Wohnung kündigen, wenn ich im Frühjahr nach Osaka wollte.
Die Kirchenleitung in Tokyo schwieg.
Ich habe den Pfarrer in Osaka angerufen, der gehörte auch zur Kirchenleitung. Der sagt: „Ja, wir haben darüber gesprochen und eigentlich hat niemand etwas dagegen gehabt! Kommen sie man ruhig, wenn was ist, übernehme ich die Verantwortung."
Dieses Telefongespräch hat später zwar geleugnet, aber das war mir egal.

April 1964
Ich bin in Osaka gewesen.
Meine Möbel und Gepäck standen im Vorraum der Osaka Kirche.
Ich bin beim Kyodan-Pfarrer in dem „Buraku-min"-Viertel untergekommen.
Dort habe ich am Vormittag im Kindergarten geholfen, am Nachmittag bin ich in „mein Viertel" und hab mir eine Wohnung gesucht.

Sommer 1964
Wohnung. Ich suche in „meinem Viertel" - und dann habe ich noch etwas getan, was kein Mensch in Japan je getan hat oder tun würde:
Ich bin alleine in dem Viertel von Institution zu Institution gegangen und habe mich vorgestellt: Stadt, Staat, eine Kyodan-Kirche war auch noch auf der Grenze zwischen „meinem Viertel" und dem „Buraku-Viertel" (Japans Kastenlose!), Polizei, so etwas wie „Arbeiterwohlfahrt", Fürsorge, Kindergarten, Arzt, Sonderschule ... Ich habe sie alle besucht. Wer sind Sie? Wo kommen Sie her? (Hier so alleine? Was soll das? Wer ist Ihr Bürge?) Was haben Sie gelernt? Beruf? Alter? Was wollen Sie hier tun? Was können Sie denn tun?
Berechtigte, aber peinliche Fragen...

Zur MM habe ich nicht mehr gehört. Zur Braunschweigischen Kirche noch nicht! So eine Hergelaufene!
Ich habe das wohl gespürt, aber ich war mir meiner Sache ziemlich sicher.

Oktober 1964
Hatte ich mein Haus"
12 oder 13 Tsubo (1 Tsubo = 2 Tatami; 1 Tatami = eine Matte Bodenbelag. 0,8 x 1,9 m.
2.000,00 DM wurden von der Hannoverschen Landeskirche gespendet, dort war mein Missionsdirektor noch Superintendent.
Dann bin ich die ganze Runde wieder abgelaufen, immer noch alleine, aber jetzt doch mit Visitenkarte! Adresse, Telefonnummer – im Viertel! Da hat dann doch schon mancher „Oh!" gesagt.
Ich war kaum eingezogen, die Handwerker waren noch im Haus, da kam ein Telefon von der Beratungsstelle bei der Polizei: „Da ist eine Mutter mit einem 3jährigen Mädchen, sie muss zur Entbindung des 2. Kindes ins Krankenhaus, der Vater blind, Masseur, die Wohnung ein 3-Matten-Zimmer! ... Ob ich das Kind nehmen kann!
Während die Frau von der Beratungsstelle sprach – ich ahnte ja, was da kommen würde – habe ich mit dem „oben" telefoniert und habe gesagt: „Lieber Gott! Du weißt, dass ich die Älteste von 10 Geschwistern bin, dass ich mein Leben lang Kinder hüten musste! Fällt dir jetzt nichts Besseres ein?"
Er hat zu mir gesagt: „Wenn du jetzt „Nein" sagst, fragt dich nie wieder jemand so was!"
Das habe ich ja selber auch genau so gesehen! Also habe ich „Ja!" gesagt. Am andern Morgen hatte ich die 3jährige Noriko-san. Die Mutter hatte sich verrechnet, Noriko-san blieb 6 Wochen bei mir. Und in diesen ersten 6 Wochen hatte ich 6-7-8 weitere kleine Kinder und Babies bei mir.
So hat die Kinderarbeit angefangen, die ich gar nicht wollte. Ich hatte ganz andere Pläne.

28. Dezember 1964
Der Fürsorger aus dem Viertel ruft mich an: Er hat dort 2 Kinder, 12 ujnd13jährig, 2 Geschwister, die müssten eigentlich ins Heim, aber er bringt sie jetzt nirgends mehr unter!
(Klar, dachte ich, am 28.12. ist Jahresschluss! Da geht jeder um die Mittagszeit nach Hause, da fängt in Japan das Neujahr (Vorbereitungen dazu!) an. Ob er die zu mir bringen kann?
Die Kinder haben sich das zuerst einmal angeschaut und haben gefragt, wie das mit Hausschlüssel ist? „Hausschlüssel? Gibt es einen, und den habe ich!" „Ja, aber tagsüber?" „Da ist auf." „Ja, dann kommen wir!"
Nach Neujahr hat der Fürsorger sie angeblich „vergessen!"

Das waren meine Anfänge in Kamagasaki. Kein Spielzeug, kein Essgeschirr, keine Ahnung von jap. Küche, keine Schlafmatten für die Kinder! – Nichts!
Wie ist das weitergegangen?
Irgendwann ist dann eine Kindergärtnerin zu mir gekommen. Die hat mir der Himmel geschickt!
Die Kirche hätte mir keine genehmigt, keine besorgt. Der Pfarrer war der Meinung: Ich habe die Kinderarbeit ohne ihn angefangen, so soll ich sie auch ohne ihn weiter machen, und sein Mitarbeiter, ein Sozialarbeiter, Heimleiter eines kirchlichen Altersheims, meinte sogar, ich wolle nur eine Kindergärtnerin, damit ich als „Leiterin da oben drüber schwebe und die Kindergärtnerin alle Drecksarbeit tun lasse. Die erste Kindergärtnerin hat mir der Himmel geschickt, später habe sie mir im Arbeitsamt geholt.

Die erste Arbeit, die ich mit der ersten Kindergärtnerin getan habe, war: Traktate zu schreiben in Deutsch und in Japanisch. Es gab da eine deutsche Druckerei in Osaka, die hat die 20 Jahre, die ich in Osaka war, wunderbar mit mir zusammen gearbeitet.
Das war nach den Kindern die erste Arbeit, die ich in Angriff genommen habe, dass ich mir in Deutschland und in Japan Freundeskreise aufgebaut habe!
In Deutschland hatte ich über Bibelschule und MM-Stationen bald weit über 100 Adressen in keinem Kasten und in Japan?
Da war ich ja jetzt auch schon 10 Jahre, war in Tokyo, ein paar Wochen in Niigata bei einem deutschen Missionar, im Seirei Hoyoen und in Kofu. Und von Kofu aus hatte ich alle Pfarrer im ganzen Yamanashi-Ken zu einem Diakonie-Konvent zusammengerufen. Wir hätten da auch mit irgend einer ökumenischen Diakoniearbeit anfangen können. Ich habe also auch in der Japan-Kassette mindestens 50 Adressen gehabt. Und die haben dann regelmäßig Berichte aus unserer Arbeit bekommen. Später habe ich mit dieser ersten Kindergärtnerin auch noch mein erstes Buch geschrieben!

1968
Ich meine, es sei dann 1968 gewesen, dass ich endlich ein erstes Lebenszeichen von Braunschweig bekam und ich mich auf den Weg machen konnte, meinen neuen Chef zu begrüßen. „Die wenigen Schafe in der Wüste" habe ich einem Pfarrer aus der „Kinki Luth. Kirche" anvertraut! „Kinki" ist der Landstrich, der südlich von Osaka als Halbinsel ins Meer hineinragt. Die Luth. Kirche in dieser Provinz war norwegischer Herkunft! (In den Jahren damals hab es auch noch mehr als 10 verschiedene Luth. Kirchen im Lande.)
Dem Pfarrer meiner Kirche wollte ich es nicht anvertrauen, bei dem hätte ich Angst gehabt, er hätte die ganze Arbeit wieder aufgelöst. Und der Kini-Pfarrer hat mir auch nachher gesagt, er sei bei ihm gewesen mit einem solchen Ansinnen! Aber er habe ihm gesagt, das solle er nachher mit mir ausmachen, wenn ich wieder da bin. Da hat mein Pfarrer gefragt, ja, ob er denn glaube, dass ich wirklich wieder komme? Und als ich dann wirklich wieder kam, war wieder alles allergrößte Freundlichkeit, und nichts anderes war mehr gewesen.
Jetzt drängte die Arbeit, es wollte hier mehr und mehr werden.

1969 / 1970
Die Ökumene fängt an.
Bruder Heinrich Schnusenberg, ein deutscher Franziskaner, japanische Vinzentinerinnen, Pfr. Kanai, ein Kyōdanpfarrer, Herr Tani, ein kath. Laienbruder aus dem Nachbar-Viertel (Buraku-min), eine Schwester von der „Pariser Mission", die einen Kindergarten in dem Buraku-mein-Viertel hatte, spanische Schwestern „Schutzengel". Und ich natürlich!
Dann kam ein junger Theologe dazu, der als Fürsorger oder einfach als Helfer in einer Sonderschule arbeitete, Koyanagi-Sensei und ein Freund von ihm, Maejima-Sensei mit einer geographisch recht weit verzweigten ökumenischen Studiengruppe, auch ein Pfarrer.
Es hat jeder seinen Arbeitsplatz, seine Kirche, sein Programm gehabt, aber wir haben gemeinsame Gottesdienste gefeiert, wir habe n unsere „Dienstgespräche" in gewissen Abständen gehabt, und wir haben auch immer wieder gemeinsame Projekte gehabt. So z. B. eine gemeinsame Weihnachtsfeier, als Anfang unserer ökumenischen Gruppe, und die „Winterarbeit" jedes Jahr, Sommerfeste und anderes.
Das war eine gute Truppe, eine gute Zusammenarbeit.

1972
Konnten wir endlich unser 2. Haus kaufen! Es liegt dem ersten gegenüber im selben Gässchen, ist 30 Tsubo groß. Der Tsubo kostet 40 Man Yen (1 Man ist 10.000 Yen). Damals konnte man hast 1,00 DM zu 110 – 116 Yen rechnen. Ich habe das Geld bei Tani-san aufnehmen können. Er war Kassenführer der Ökumenischen Gruppe und wir haben Geld gehabt! Alles Spenden! Da habe ich mit einem geringen Zinssatz gemütlich zurückzahlen können.

1972
Das Baby-Center zieht in das zweite,, größere Haus ein. Die Kinderzahl steigt von 6-8 in meinem Haus auf 10-12 in dem größeren Haus jetzt. Statt einer Kindergärtnerin plus ich – jetzt 4! Für Früh- und Spätschicht.
In mein Haus kommen jetzt die Schulkinder, aber eben nur Nachmittags, und Besuche! Am Morgen, am Mittag, am Abend und in der Nacht! (Schulkinder auch mit einer Kindergärtnerin).

1973
Kam zum ersten Mal Dr. Kosugi zu mir. Er brachte einen Kollegen mit, ein oder zwei Krankenschwestern und Sozialarbeiter. Dr. Kosugi war Arzt in einem städtischen Krankenhaus in einer Neurologischen Abteilung.
Er und 4 oder 5 seiner Kollegen kamen schon seit einiger Zeit täglich am Nachmittag ins Viertel, hielten Sprechstunden für Alkoholiker, nahmen auch hin und wieder einen mit in ihre Krankenhäuser, betreuten die Männer da, und glaubten, wenn sie ½ Jahr nichts getrunken haben, dann seien sie gesund, aber, sobald sie hier ins Viertel kommen - und wo anders können sie ja nicht hin, dann fangen sie wieder das Trinken an. Ob wir, die wir hier ständig im Viertel sind, nicht ihre Schützlinge betreuen können?
Ich sagte, das müsse ich mit der Kyoyukai besprechen, mit der ökumenischen Gruppe. Sie waren es zufrieden. Ich habe es den Freunden vorgetragen, die haben mich ausgelacht! „Frau Strohm, wo denken Sie hin! Wir trinken selber gerne einen, wie können wir da Alkoholiker-Fürsorge / Resozialisierungsarbeit tun!" Und die Schwestern haben Angst gehabt vor betrunkenen Männern! Und verständlich!
Dann habe ich Dr. Kosugi, als er wieder kam, sich eine Antwort zu holen, gesagt, was war, „aber dann mache ich es eben!" – Mit dieser Antwort war er nicht so ganz glücklich. Aber besser als gar nichts!
Ich habe dann angefangen, Alkoholiker-Gruppen in den Krankenhäusern der bekannten Ärzte zu besuchen, ich habe die verschiedenen Gruppen in der Stadt besucht, ich habe selber im Viertel eine angefangen. Aber das alles hat nichts genützt. Die Ärzte sind mir gegenüber skeptisch gewesen – und geblieben bis zum Schluss.

Ich habe mir von der Buchhandlung Rieck in Aulendorf Bücher kommen lassen: Geschichten, Erzählungen, Biographien. „Blaues Krauz". Geschichtliches, Medizinisches, Psychologisches - meterweise habe ich Alkohol-Bücher in meinem Regal gehabt! Da habe ich dann selber gesehen, da wird ganz anders gedacht, ganz anders gehandelt und behandelt, als es die Ärzte hier (in Japan) tun. Ich habe dann die Beziehungen zu den Ärzten langsam ausgedünnt – nicht abgebrochen – und habe meine Alkoholiker-Arbeit aufgebaut!
Die Studiengruppe von Herrn Dr. Kosugi habe ich weiter besucht, und er hat nicht aufgehört von „einem Haus in dem Viertel" laut zu träumen.
Der Wunsch wurde beim Makler mal vorgemerkt.

Herbst 1974 ? Winter 1975?
Da habe ich Pfarrer Kishii aus Kyoto zu Rate gezogen. Sollen wir ein Haus-Grundstück kaufen für den Kindergarten, dass wir eine richtigen Kindergarten haben mit mindestens 70 oder 80 Plätzen? Oder sollen wir ein Haus für Alkoholiker kaufen? Pfarrer Kishii meinte, "Zuerst die eine Arbeit fertig machen und unter Dach und Fach bringen."
Also: zuerst den Kindergarten! Beides zusammen konnte ich nicht, finanziell nicht und auch vom Organisatorischen her nicht.
Nachfrage beim Makler ergab aber, dass das Haus für einen Kindergarten bereits verkauft sei.
Damit waren die Würfel für das Alkoholiker-Haus gefallen. Ich zögerte noch.

Dezember 1975
Es war ein Freitagabend im Dezember 1975.
Wir hatten unsere Alkoholiker-Gruppe im Kindergarten. Da kam der Makler, die Firma will, muss! Das Haus jetzt verkaufen, sie kann sonst ihren Angestellten den Jahresschlussbonus nicht bezahlen! 100 Tsubo, 1 Tsubo für 38 Man!
Ich habe es mit Frau Takeyama besprochen, die war bei mir, eine Ehrenamtliche, die hat gesagt, „das machen wir!".
Wir haben es gemacht.
Das war dann das 3. Haus in dem Viertel, welches auf den Namen der JELC eingetragen worden ist. Es ist das „Kibo no Ie", das „Haus der Freude und der Hoffnung", und besteht heute noch. Die beiden anderen Häuser hat die JELC verkauft). Die Kinderarbeit, die bis dahin noch unter ihrem Namen lief, wurde von 1987 an von Frau Maeshima selbständig durchgeführt. Sie hatte der Kirche das Haus abgekauft, und die Arbeit, die sie bis dahin als Angestellte der JELC getan hatte, war jetzt ihre eigene Arbeit.

Ich muss noch einen Nachtrag machen.
Die Ehrenamtlichen, die mich fast von Anfang an begleitet haben, denen möchte – nein muss ich einen Abschnitt widmen. Sie waren zu keinem bestimmten Zeitpunkt da, sie waren immer da! Und in dem Maße wie die Arbeit gewachsen ist, ist ihre Zahl gewachsen, zum großen Teil auch aus dem Freundeskreis heraus entstanden. Einige, wenige kann ich noch mit Namen nennen, die meisten kamen aber in Scharen: Frauengruppen aus der Kirche oder auch „bürgerliche" lokale Gruppen, Jugendliche, einzeln oder auch in Gruppen, Missionare, Pfarrer.
Ich kann jetzt in der Erinnerung nur Einzelne herausgreifen:
Am stärksten ist mir in Erinnerung Pastor Kishii von der luth. Kirche Kyoto. Der kam erst spät in unseren Kirchenbezirk „West", kam dann aber zu mir und erzählte mir, dass er bisher überall, wo er war, mit der Frauenhilfe seiner Kirche freiwillige Dienste in Institutionen verrichtet hat, die in der Reichweite seiner Kirche lagen. Er habe jetzt, da er in Kyoto ist, gedacht, nach „Kamagasaki" zu kommen, ob mir das recht sein!
Und ob mir das recht war! Lieb war mir das! Aber bisher hatte der Pfarrer, der das Sagen hier im Westbezirk hatte, alle Pfarrer, die mir geholfen haben, versetzt! Den einen nach Hokkaido, den andern nach Shimonoseki! Da lächelte Pastor Kishii: „Das wird er mit mir nicht tun können!" Ich wunderte m ich sehr über diesen Mann. Jahrelang! Und der Versetzer hat ihn wirklich in Ruhe gelassen. Die Tennoji-Kirche hat uns viel geholfen – auf mancherlei Weise, durch mehrere Pfarrer-Generationen hindurch.
Viele Namen habe ich auch vergessen. Man mag es mir verzeihen! Nicht vergessen werde ich die beiden Frauen, die in meiner Erinnerung ständig um mich waren: Frau Murakami und Frau Takeyama. Was die beiden geleistet haben im Umgang mit Menschen, im Büro, Telefon, Geld/Bankwesen" Das ist unglaublich und unbeschreiblich!
Und was ist von meinen Kindergärtnerinnen zu sagen pflegte, gilt auch von ihnen allen, in Sonderheit aber von den beiden Frauen Murakami und Takeyama. Dank Ihnen allen und ein herzliches „Gott vergelt's".

Zum Schluss:

Die Schuldentilgung bei der Bank war angelegt – vielleicht auf 10 Jahre. So lange, dachte ich, bin ich noch im Lande. Dann habe ich aber außer den monatlichen Raten, die ja festlagen, an jedem Jahresende einen Batzen zur Bank gebracht, was die Bank nicht so erfreute. Erstens musste die da jedes Jahr die Berechnung wieder neu aufstellen, und zweitens verbürgte das schnellere Zahlen die Zinseinkünfte. Aber ich war froh!
Dank! Auch heute noch an die Freundeskreise von damals! Ich denke, es war Sylvester/Neujahr 1981/82 als alle Schulden getilgt waren. Da habe ich aufgeatmet! – und bin krank geworden. Eine Woche lag ich mit leichtem Fieber, als das vergangen war, hatte ich Röteln – und musste ins Krankenhaus. Davon habe ich mich lange nicht mehr erholt. Ich fing an, alt zu werden. Da bin ich 1983 nach Hause.

1983
In Braunschweig, wo ich mit Hilfe der Kirche eine Eigentumswohnung erstehen konnte, habe ich 20 Jahre gelebt - ungefähr so lange, wie ich in Kamagasaki gelebt hatte. Aber ich kam mir vor wie „verdorben für Deutschland"! Ich habe in keinen Rahmen mehr reingepasst. Ich war wieder „die Komische"!
Das war ich sicher in Japan auch: „Hen na Gaijin"! Komische Ausländerin.
Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die Menschen und die Institutionen zusammen zu zählen, bei denen ich angeklopft hatte und mitmachen wollte: Es waren 20. In 20 Jahren. Die einen haben mich mit Worten, andere auch schriftlich abgewiesen, einige haben ganz einfach nur „gemobbt". Das Wort aber kannte ich damals noch nicht.
elsbeth3 300Dann habe ich angefangen, Shiatsu zu lernen. Auch da: bereits n ach dem ersten Wochenende ein Brief: „Besuch nicht weiter erwünscht!"
Ich habe einen zweiten Anlauf genommen in einer anderen Schule. Ich war 75! Die Lehrerin mochte mich nicht. Warum? Keine Ahnung. Ich bin in keiner Weise aufgefallen in der Schule. Von 5 Kursen damals noch, musste ich 4 zwei Mal machen. Ich bin still gewesen. „Augen zu und durch!" Den letzten, den 5. und gleichzeitig Examenskurs, musste ich bei einem Lehrer in München machen, und das war mein Glück. Der Lehrer hat mich akzeptiert!
Später hat er im Shiatsu-Journal geschrieben: „Mit 80 das Examen mit Bravour gemacht!"

2003
Bin ich auf den Schwanberg, hatte hier meine Shiatsu-Praxis. Das war eine herrliche Erfahrung für mich: Ich konnte Menschen helfen – heilen – mit Gespräch, mit Berühren ... Ein Jahr lang, dann kam der Zeckenstich und hat dem wunderbaren Erleben ein jähes Ende bereitet.

Seit 2005
Bin ich hier im Alten heim. – Es ist meine 32. Oder 33. Wohnung.

Noch ein Nachtrag:

In den Jahren nach dem Sensitivitäts-Training habe ich in Japan verschiedene „Counselling"-Schulen besucht. Ich nenne es zu Deutsch „Gesprächstherapie", was ich da gelernt habe. Das ist in „meinem Shiatsu" auch reichlich mit zum Tragen gekommen.
Und:
Im Sommer 1975 bin ich für drei Monate in Hannover gewesen, habe bei einem Herrn Pastor Piper „Krankenhaus-Seelsorge" gelernt (So viel man eben in 3 Monaten lernen kann!)
In Japan sind Counselling-Schulen mehrere Jahre hindurch gelaufen, immer wieder ein Wochenende, immer wieder mal 3-4 Tage in diesem oder jenem Tempel. Die Japaner kommen mir unkomplizierte vor, der Natur, dem Menschen – und auch Gott! Näher als die Deutschen! (Siehe „Mission in Japan / Shintoismus"!)

Kitzingen, den 29.1.2012
Elsbeth Strohm 

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