Leben im Winter in Fukushima

08.01.2012

Leben nach der Katastrophe: Erster Winter in Fukushima

Sendai (dpa) Für die Opfer des Erdbebens und des Tsunamis in Japan hat der erste Winter seit der Katastrophe begonnen. Noch immer leben Tausende in Behelfshäusern. Hinzu kommen die psychischen Folgen der Katastrophe. Immerhin: Viele Opfer versuchen sich selbst zu helfen.

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Handarbeit: Yu Endo hilft seiner Mutter Junko beim
Trocknen von Datteln. Die Familie lebt in einer
Behelfsunterkunft im nordjapanischen Ishinomaki.
Vater Makoto Endo verlor beim Tsunami im März 2011
seine Fischfarm.© dpa

Die alte Frau weint. "Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie gestorben sind", schluchzt Hideko Yamada. In ihrem roten Kittel steht sie traurig vor einem selbst gebastelten Altar. Liebevoll umringt von Spielzeug und Blumen hat sie auf einem kleinen Tisch Farbfotos ihrer beiden Enkelkinder aufgestellt. Bilder aus glücklichen Tagen. Sie verleihen ihrer zugigen Notbehausung aus eiskalten Stahlgerüsten und dünnen Wänden ein wenig Wärme. Die Bilder gehören zu den wenigen Habseligkeiten, die das Erdbeben und der Tsunami ihr am 11. März nicht entrissen haben. Das Haus in Sendai, der landwirtschaftliche Betrieb ihres Mannes Shoji - alles ist zerstört.

Seit jenem Tag, der Japan in die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg stürzte, leben Hideko und ihr Mann in einem der vielen Behelfshäuser, die der Staat für die Überlebenden errichten ließ. Nachdem Zehntausende vor dem Tsunami sowie der folgenden Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima fliehen und zunächst zusammengedrängt in Notlagern hausen mussten, haben sie jetzt wenigstens ihre eigenen vier Wände. Trotzdem ist das Leben gerade für die vielen alten Menschen in den "Kasetsu Jutaku", wie die containerähnlichen Behelfshäuser auf Japanisch heißen, nicht einfach.

"Wir haben die Klimaanlagen und Heizöfen auf Hochtouren laufen, weil am Boden und an den Wänden seit dem Sommer nichts gemacht worden ist", erzählt Kayoko Kawasaki. Ihre Nachbarin Kyoko Miyahara klagt über die Enge. Die ältere Frau lebt in ihrem rund 14 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Container zusammen mit ihrem Sohn. Hinter der Behausung stehen Plastikkisten, in denen sie ihre Habseligkeiten aufbewahren, weil es drinnen nicht genug Platz gibt. Vor allem aber beklagt die Frau es, dass kein Mensch ihr sagt, ob sie nach Hause kann oder nicht. "Ich will vor allem schnell ein klares Wort hören. Mal sagt man uns, wir können nach Hause, mal sagt man uns, wir können nicht nach Hause. So bleiben wir in der Luft hängen", klagt sie ihr Leid.

Ihr Sohn glaubt jedoch nicht, dass sie in ihren Heimatort Namie unweit des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi zurückkehren können.Zwar hat die Regierung dieser Tage verkündet, dass die Reaktoren unter Kontrolle seien. Viele Japaner trauen der Regierung und dem Atombetreiber Tepco aber nicht. "An unserem Leben hat sich dadurch nichts geändert, auch wenn die Regierung sagt, der Atomunfall sei beendet", sagt die 51-jährige Hausfrau Mayumi Shiga. Sie musste ihr Haus in Futabamachi innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das AKW verlassen und lebt heute mit ihrem 14 Jahre alten Sohn und ihrer Schwiegermutter in einer Behelfsunterkunft. Ihr älterer Sohn arbeitet in Tokio, ihr Mann in der Stadt Iwaki. Sie wisse nicht, ob ihre Familie jemals wieder unter einem Dach leben könne, sagt sie.

Zehntausende Menschen haben aus Sorge vor Verstrahlung die Provinz ganz verlassen. Aber damit sind ihre Probleme noch längst nicht gelöst. Betroffene schildern in örtlichen Medien, wie sie Opfer von übler Nachrede wurden. Takako Shishido zum Beispiel. Die 39-Jährige gab ihr Haus in Fukushima auf, obwohl es noch nicht abbezahlt ist und sie auch keinen Evakuierungsbescheid erhalten hatte. Sie hatte dennoch Angst um ihre Kinder und flüchtete im Sommer ins ferne Sapporo auf Japans nördlichster Hauptinsel Hokkaido. Ihr Mann folgte später. Die frühere Elternvertreterin habe sich harte Kritik anderer Mütter anhören müssen wie: "Willst Du deine Verantwortung hinschmeißen und weglaufen?" Als sie über die Gefahr der Radioaktivität redete, wurden ihr Vorwürfe gemacht. "Willst Du schädliche Gerüchte verbreiten?" Sie zog dennoch fort. "Die meisten, die von sich aus geflüchtet sind, spüren mehr oder weniger Einsamkeit und an ihren neuen Orten haben sie auch niemanden", berichtet Shishido.

"Der Atomunfall ist erst dann beendet, wenn wir das alte Leben wiederhaben", sagt auch Tadao Satoh. Er leitet einen Nachbarschaftsverband in einer Wohncontainer-Anlage mit 90 Haushalten in der Stadt Date in Fukushima. In der Anlage sind viele alte Menschen untergebracht, die den Tag meist in ihren Zimmern verbringen. So wie Satoh versuchen auch andere, das Leben der Bewohner der Kasetsu Jutaku so erträglich wie möglich zu machen. Helfer montieren Dämmungen an die Außenwände, andere bauen Windfänge.

Doch auch wenn die Überlebenden materiell gut versorgt sind, eine mindestens so wichtige Arbeit für die Behörden wie für die freiwilligen Helfer ist die psychologische Betreuung der Opfer. Man will dabei aus der Erfahrung bei der Erdbebenkatastrophe 1995 in der japanischen Hafenstadt Kobe lernen. In den Jahren nach dem Erdbeben waren mehr als 200 alte Menschen in vollkommener Einsamkeit gestorben. Viele Gemeindeverwaltungen in den Tsunami-Gebieten waren daher diesmal darauf bedacht, in den Kasetsu-Jutaku-Anlagen möglichst die alten sozialen Verbindungen und Nachbarschaftsbeziehungen zu erhalten.

"Es darf nicht passieren, dass jemand hier unbemerkt stirbt", erzählt Mitsutoshi Kamata aus Tomioka in der Provinz Fukushima. Kamata gründete Anfang September eine Selbsthilfegruppe in einer Wohncontainer-Anlage. Allein in der Provinzhauptstadt Fukushima seien rund 30 000 Menschen in solchen Anlagen untergebracht, sagt er. Viele der alten Menschen hätten bis zur Katastrophe mit ihren Familien zusammengelebt. Jetzt lebten sie in den Wohncontainern allein, da ihre Kinder zum Beispiel wegziehen mussten, um Arbeit zu finden.

Und daher organisieren sich Kamata und seine Mitbewohner eben selbst. So brauchte die Müllsammelstelle ein Dach, andere wünschten sich Bänke fürs Plaudern. "Wir führen die Arbeiten selber aus und jeder, der mitgearbeitet hat, bekommt ein paar Tausend Yen", schildert Kamata. "Wenn wir jetzt nicht arbeiten, befürchte ich, können wir uns irgendwann nicht mehr aufraffen, selbstständig zu werden", sagt er.

Quelle: Märkische Oderzeitung, 8.2.2012

 

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